Uni macht Schule

Unter dem Titel Uni macht Schule hat das Gymnasium Neureut zum Schuljahr 2007/08 eine Vortragsreihe gestartet, die Einblicke in die verschieden­­sten Wis­sen­schafts­be­rei­che bietet.

Renommierte Wissenschaftler berichten in allgemein ver­ständ­lichen Vorträgen aus ihren Forschungs­gebieten, um so bei unseren Oberstufenschülern Interesse für ein wis­sen­schaftliches Studium zu fördern. Auch der Lehrerschaft und der interessierten Schulöffentlichkeit stehen die Vorträge im Studiensaal des Gymnasiums Neureut offen.

Liste der bisherigen Referenten und Themen

Vorträge im aktuellen Schuljahr 2019/20

nächster Vortrag: Digitalisierung von Schule und Unterricht aus pädagogischer Perspektive

am 12.12.2019, 18Uhr, im Studiensaal

Referent: Dr. Johannes Gutbrod

Strahlende Lebkuchen und Kammern aus Kriegsschiffen

Was hat ein Lebkuchen mit radioaktiver Strahlung zu tun? Und warum muss eine Stahlkammer ausgerechnet aus dem Material eines Kriegsschiffes gebaut sein? Dr. Bastian Breustedt hatte auf diese ungewöhnlichen Fragen interessante Antworten. „Radionuklide im menschlichen Körper“ lautete der Titel des Vortrags, den der Physiker im Rahmen der Reihe „Uni macht Schule“ im gut besetzten Studiensaal des Gymnasiums Neureut hielt. Ziel dieser Veranstaltungsreihe ist es, Schülerinnen und Schülern ab Klasse 10 die Vielfalt der Fächer und Themen an Hochschulen näherzubringen. Viermal jährlich wird ein solcher Vortrag angeboten; die Schülerinnen und Schüler können hier Scheine erwerben, sammeln und so ein Zertifikat zum Abiturzeugnis erhalten. Das höchste Ziel aber ist, dass der Funke der Begeisterung überspringt. Und Bastian Breustedts Vortrag hatte durchaus das Zeug dazu, an Physik interessierte Gymnasiasten für ein solches Studium zu begeistern. Der 44-jährige ist Leiter der Radioanalytischen Labor bei der Stabsstelle „Sicherheit und Umwelt“ (SUM) des Karlsruher Instituts für Technologie. Er hat die Lehrbefugnis im Fach Strahlenschutz, ist Medizinphysikexperte und hält darüber hinaus Vorlesungen über Physiologie und Anatomie sowie Dosimetrie.
Die Stabsstelle SUM hat die Aufgabe, die radiologische und konventionelle Sicherheit am KIT zu gewährleisten, nimmt aber auch auswärtige Aufträge entgegen. Da in den Radioanalytischen Laboren Theorie und Praxis Hand in Hand gehen, konnte Bastian Breustedt einen sehr anschaulichen Vortrag halten. Er schaffte es, die meisten Zuhörerinnen und Zuhörer im Studiensaal bei ihrem Vorwissen abzuholen und sie weiterzuführen. Was ist Radioaktivität überhaupt? Wie wird Strahlung gemessen? Wo kommt sie vor? Wie wirkt sie? Wie wird in den Radioanalytischen Laboren gearbeitet? Ionisierende Strahlung, also Strahlung von radioaktiven Stoffen, so Breustedt, sei ubiquitär, also überall zu finden – auch in der Natur. „Radioaktivität ist eine Eigenschaft von Atomkernen“, erklärte er. „Sind sie instabil, können sie zerfallen.“ Instabile Kerne, die Radionuklide genannt werden, setzen beim Umbau oder Zerfall Energie in Form von Strahlung frei. Dadurch entsteht Alpha-, Beta- oder Gammastrahlung mit einer jeweils unterschiedlichen Strahlungsreichweite und einer unterschiedlichen biologischen Wirksamkeit. Während mit der Maßeinheit Becquerel die Anzahl der zerfallenden Atome in einer Sekunde gemessen wird, ist die Einheit für die biologisch gewichtete Strahlendosis das Sievert. „Die Karlsruher waren Anfang der 60er-Jahre durch Umgebungsstrahlung 70-100 Becquerel ausgesetzt“, erzählte der Physiker. „Nach den Atomwaffenversuchen in den Folgejahren stieg sie auf 700 Becquerel an“. Glücklicherweise, so Breustedt, sank sie wieder, bis es 1986 zur Nuklearkatastrophe von Tschernobyl kam; in deren Folgejahren die Belastung wieder sank.
In den Radioanalytischen Laboren werden Menschen, die in ihrem Alltag oder Beruf besonders hoher – natürlicher oder künstlicher – Strahlung ausgesetzt sind, auf ihre Strahlenbelastung hin untersucht. Dazu gehören beispielsweise Personen, die immer oder zeitweise in Kernkraftwerken oder in unmittelbarer Nähe arbeiten. Um ein möglichst genaues Ergebnis der Strahlenbelastung zu bekommen, musste die Umgebungsstrahlung in den Laboren auf ein Minimum reduziert werden. Und so wurde bereits vor vielen Jahren eine Stahlkammer aus dem Material eines Kriegsschiffes gebaut. „Diese Kammer ist sehr arm an Radioaktivität, weil es damals noch keine Atomwaffenversuche gab“, erklärte der Referent. Und so weise die Kammer innendrin nur noch ein Hundertstel der Umgebungsstrahlung auf.
Was passiert, wenn ein Körper einer Strahlung ausgesetzt ist oder war? Zunächst, so Breustedt, trete die Strahlung in Wechselwirkung mit der Zelle. Es gebe es eine sehr schnelle physikalische Wirkung: „Die Ionen reagieren miteinander“. Es folgten die chemischen Auswirkungen mit der Schadensausbreitung im ganzen Körper. Sehr lange dauere dann die biologische Effektentstehung – oft Jahre später könne durch die Schädigung des Erbguts beispielsweise Krebs entstehen. Das Ziel sei es natürlich, diese Krebsfälle zu verhindern. Die Schwierigkeit besteht aber darin, verschiedene Krebsfälle ursächlich mit der Strahlenwirkung zu verknüpfen. Hier kommt ein weiteres Fachgebiet Breustedts ins Spiel: die Dosimetrie. Sie untersucht Verfahren zur Messung einer Dosis bei der Wechselwirkung eines Körpers oder Materials mit ionisierender Strahlung. Durch diese Forschung entstehen dann die Grenzwerte für die Bevölkerung und bestimmte Berufsgruppen. 1 Millisievert ist der Grenzwert für die jährliche Strahlenbelastung der Bevölkerung, die beispielsweise aus kerntechnischen Anlagen resultiert. Zum Vergleich: Ein Flug von München nach Japan entspricht einer Dosis von etwa 0,1 Millisievert, eine Ganzkörpertomographie 10-20 Millisievert.
Bastian Breustedt machte den Schülerinnen und Schülern in seinem Vortrag, aber auch darüber hinaus deutlich, wie interessant die Physik ist: „Man kann sehr viel damit machen.“ Auch lud er die Physikkurse am Gymnasium Neureut zu einer Besichtigung der Radioanalytischen Labore am SUM ein. Und dann bot Bastian Breustedt Lebkuchen an. Die übrigens strahlen auch – wie viele andere Lebensmittel. Durch das radioaktive Kalium-40, das in der als Backtriebmittel verwendeten sogenannten Pottasche enthalten ist, liegt die Dosis pro Lebkuchen bei 28 Nanosievert, also 28 Milliardstel Sievert. Wie viele Lebkuchen müsste man essen, bevor es gefährlich werden könnte? Etwas 35 000, meinte der Physiker und betonte, dass bei einer solchen Menge an Lebkuchen die Strahlung vermutlich das geringste Problem sei.

(mh)

Flyer

Vorträge im aktuellen Schuljahr 2018/19

Dr. Sandra Meinzer: Begeistert von ihrem Fachgebiet

Der Beruf der Ärztin war ihr keinesfalls in die Wiege gelegt worden. Sandra Meinzer stammt aus einer Handwerkerfamilie; und während des Medizinstudiums in Greifswald und Freiburg wurde sie so manches Mal verwundert gefragt, warum sie denn dann Ärztin werden wolle. Da sei „diese Begeisterung für die Biologie“ gewesen, erzählt sie. Ihr ursprüngliches Interesse galt der Neurologie. Heute ist Sandra Meinzer Oberärztin der Medizinischen Klinik II, der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Diabetologie am Städtischen Klinikum in Karlsruhe. Die Ärztin war die nunmehr vierte Referentin der Vortragsreihe „Uni macht Schule“ im Jubiläumsjahr des Gymnasiums Neureut. Üblicherweise referieren bei dieser Veranstaltung Dozentinnen und Dozenten von Hochschulen, um die Schülerinnen und Schülern der Oberstufe für ein Studium zu begeistern und ihnen Einblick zu geben in die verschiedenen Lehr- und Forschungsbereiche. Im Jahr des 50. Geburtstags der Schule an der Unterfeldstraße aber waren ehemalige Schülerinnen und Schüler eingeladen, die mittlerweile Karriere gemacht haben.
„Moderne Diagnostik und Therapie bei Magen- und Darmerkrankungen: Von der Kontrastmittelsonografie bis zur Radiofrequenzablation“ hieß das Thema des Vortrags von Sandra Meinzer, zu dem auch interessierte Gäste in den Studiensaal des Gymnasiums Neureut gekommen waren. 1998 hat Sandra Meinzer Abitur gemacht, seit 2005 bereits arbeitet sie an der Medizinischen Klinik II, seit nunmehr drei Jahren als Oberärztin. In den 14 Jahren hat sie sehr viele Zusatzqualifikationen erworben: Notfallmedizin, Fachärztin für Innere Medizin sowie für Gastroenterologie und zuletzt qualifizierte sie sich auch für Internistische Intensivmedizin.
Dass sie begeistert ist von ihrem Fachgebiet und von den modernen Methoden der Diagnose und Therapie von Krankheiten des Verdauungstraktes, merkte man ihrem auch für Laien weitestgehend verständlichen Vortrag deutlich an. „Das Fachgebiet ist sehr spannend: Wir haben es mit mehreren Organen zu tun und mit Patienten, die vom Kindesalter bis ins hohe Alter reichen“, erzählte sie. Zum Werkzeugkasten der Internisten – hier der Gastroenterologen – gehört neben dem Sehen, Zuhören, Fragen und der körperlichen Untersuchung die Labordiagnostik. Darüber hinaus aber bietet die moderne Diagnostik hervorragende Möglichkeiten, Krankheiten durch Ultraschall, Funktionsuntersuchungen, Endoskopie, CT oder MRT zu entdecken. Manche dieser Diagnosegeräte sind auch in der Lage, Gewebeveränderungen abzutragen oder Verschlüsse zu öffnen, also auch gleichzeitig zu therapieren. Dabei hänge es davon ab, wie viele Hautschichten von den Veränderungen betroffen sind, stellte die Ärztin klar. „Wir müssen mindestens eine von drei Schichten stehen lassen“, so Meinzer. Gehe krankes Gewebe über diese Schicht hinaus, sei die Therapie dann Sache des Chirurgen.
Dr. Meinzer stellte in ihrem Vortrag zahlreiche Verfahren vor. So ist es durch die Kapselendoskopie beispielsweise möglich, den Dünndarm, der noch vor einigen Jahren eine „black box“ war, auf Veränderungen zu untersuchen. Der Patient schluckt eine Kapsel mit einer Batteriezeit von 12 Stunden. Diese Kapsel durchläuft den Verdauungstrakt und macht Fotos vom Dünndarm, dessen Wand besonders viele Falten und Zotten hat. Um Blutungen des Verdauungstraktes zu stoppen, gibt es das neuartige Verfahren eines Clips, der mit dem Endoskop an die blutende Stelle geführt wird, die blutende Schleimhaut einsaugt und mit einem Clip verschließt. Hinsichtlich der Tumorerkennung und -behandlung appellierte Sandra Meinzer an die Anwesenden, Darmkrebs-Vorsorgeuntersuchungen spätestens ab dem Alter von 50 wahrzunehmen. Bis sich ein Adenom, also neugebildetes Gewebe im Darm, zu Darmkrebs entwickelt und die Darmwand durchdringt, dauert es viele Jahre. Durch die Darmspiegelung mittels eines Endoskops lassen sich Polypen und Adenome ebenso wir Krebsvorstufen erkennen und durch verschiedene Verfahren abtragen. Ein Beispiel ist die Polypektomie, bei der mit einer Schlinge, durch die Strom fließt, das Gewebe weggeschnitten und die Stelle verödet wird. Bei der Ligatur- oder Kappentechnik wird das Gewebe abgeklemmt und stirbt ab. Dr. Meinzer stellte auch Möglichkeiten des Erkennens und Behandelns von Gallenwegerkrankungen mittels endoskopischer Verfahren dar.
Die Fragen an die Referentin waren vielfältig. Neben dem Interesse an der Früherkennung von Krebserkrankungen gab es Fragen zu schmerzhaften Ausstülpungen beispielsweise der Darmwand, den sogenannten Divertikeln. Einige Schülerinnen und Schüler möchten Medizin studieren und fragten nach Wegen zum Arztberuf. Interesse bestand aber auch am Ablauf eines Klinikalltags und dem Ausmaß der Überlastung von Klinikärzten. Die Anzahl der Überstunden sei beträchtlich, so Sandra Meinzer. Man habe aufgrund zahlreicher anderer Verpflichtungen zunehmend weniger Zeit für die Patienten. Trotzdem wolle sie nicht in einer niedergelassenen Praxis arbeiten: „Im Krankenhaus ist es spannender“. Man müsse eben bedenken, dass der Aufenthalt im Krankenhaus für die Ärzte Alltag sei, für die Patienten aber eine absolute Ausnahmesituation. „Da kann man“, so betonte sie, „nicht einfach sagen: Ich hab jetzt Feierabend.“ (mh)

Erstaunliche Ansichten von Erde und Weltall

Die Begeisterung für sein Metier hat man beim Referenten der aktuellen Ausgabe unseres renommierten Formats „Uni macht Schule“ deutlich gespürt, als er die beeindruckenden Satellitenbilder kommentierte, die er den rund 40 interessierten Zuhörern im Studiensaal des Gymnasiums Neureut präsentierte. Auf den mit Radartechnik aufgenommenen Bildern zu sehen waren beispielweise wandernde Gletscher, das Werk eines Tsunamis in China oder Mexiko-City, wie es jährlich immer mehr im Lehm versinkt.
Der geborene Leopoldshafener Dr. Eric Schreiber studierte nach seinem Abitur am Gymnasium Neureut Elektro- und Informationstechnik am KIT und promovierte am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), bei dem er heute am Standort Oberpfaffenhofen forscht. Sein Spezialgebiet ist Fernerkundung mit Hilfe von Hochfrequenz- und Radartechnik. „Die dort entwickelten Radarsysteme liefern Bilder, die z. B. in den Bereichen Logistik und Städteplanung, Gletscher- oder Ackerbeobachtung oder der Erforschung der Biosphäre und Geosphäre neue Möglichkeiten eröffnen“, so Schreiber. Sogar Deformationen im Zentimeterbereich seien erfassbar.
In seinem Vortrag erläuterte Schreiber auch die Vorteile von Radarwellen gegenüber anderen elektromagnetischen Wellen. Sie können – im Gegensatz z. B. zu sichtbarem Licht – Wolken durchdringen und sie funktionieren auch bei Dunkelheit. Darüber hinaus sind sie unempfindlich gegen äußere Veränderungen oder Störungen.
In der anschließenden Fragerunde ging er detailliert auf die Fragen der Schülerinnen und Schüler ein, die vor allem auf die Möglichkeiten abzielten, mittels Radartechnik Landminen auf der Erde und Weltraumschrott im Weltall aufzuspüren.
Großen Respekt der anwesenden Physiklehrer erntete Schreiber für den Mut, Differenzialoperatoren und höhere Mathematik in seinen Vortrag einzubauen. Dass die Schülerinnen und Schüler die große Tragweite der die gesamte Elektrodynamik beschreibenden Maxwell-Gleichungen im Einzelnen verstanden haben, darf zwar bezweifelt werden, sein ehemaliger Mathelehrer Franz Wiedemann hätte jedenfalls seine Freude daran gehabt. Davon beeindruckt waren die Schülerinnen und Schüler allemal, der ein oder andere womöglich auch angespornt, sie irgendwann einmal – z.B. im Studium der Physik oder Elektrotechnik – zu verstehen.

Bu

Die Finanzwirtschaft im Umbruch

Gerrit Leuchs gibt es offen zu: „Ich war ein fauler und bequemer Schüler“. Er habe immer „gerade so die Kurve gekriegt, um nicht sitzenzubleiben“. Er verrät den Zuhörern auch seine Abiturnote, die an dieser Stelle allerdings nicht erwähnt werden soll, um Nachahmungen zu vermeiden. Trotz alledem: Der ehemalige Abiturient des Gymnasiums Neureut hat Karriere gemacht. Heute ist er Niederlassungsleiter Baden-Württemberg der UTA Truck Lease, einem Unternehmen, das zur PEAC Finance gehört und das sich auf die Akquise von Leasing und Finanzierung von Nutzfahrzeugen spezialisiert hat. „Die Finanzwirtschaft im Spagat – Zwischen Kundenservice, Digitalisierung und neuen Wettbewerbern“ war der Titel des Vortrags, den Gerrit Leuchs im Rahmen der Reihe „Uni macht Schule“ im Studiensaal des Gymnasiums Neureut hielt. Zunächst aber gab er den Schülerinnen und Schülern einen umfassenden Einblick in seinen beruflichen Werdegang. Während die Vortragsreihe normalerweise Hochschuldozenten und -dozentinnen vorbehalten ist, werden in diesem Schuljahr – zum 50. Geburtstag des Gymnasiums Neureut – ehemalige Abiturientinnen und Abiturienten eingeladen, um von ihrer Karriere zu erzählen und von einem Schwerpunkt ihrer Arbeit zu berichten.

Gerrit Leuchs hat in den 25 Jahren seiner Berufstätigkeit bei neun Arbeitgebern in leitenden Positionen – im Vertrieb und im Marketing – gearbeitet. Er hat Versicherungsagenturen betreut, den Vertrieb von Mobilfunkunternehmen aufgebaut, als Vertriebsdirektor neue Geschäftsmodelle entwickelt oder beim TÜV Dienstleistungen digitalisiert. Er war Geschäftsführer und Bereichsleiter. Seine Leidenschaft galt von vorneherein dem Vertrieb. „Dienstleistungen finde ich besonders spannend“, erzählt der 53-jährige. Dabei war sein Ziel nach dem Abitur 1985 eigentlich ein anderes: Er wollte bei der Bundeswehr Pilot werden. Eine Farbschwäche ließ diesen Traum platzen und Leuchs fuhr als Leutnant zur See. Nach der Bundeswehr studierte er zwei Semester Geodäsie in Karlsruhe. Das lernintensive, Mathematik-lastige Fach entsprach allerdings gar nicht seinen Vorstellungen. Er wechselte zu den Fächern Soziologie, Jura und Erziehungswissenschaften nach Heidelberg. „Diese Uni ist sozial- und geisteswissenschaftlich geprägt. Und: Es wurde viel gefeiert“, erzählt er augenzwinkernd. Von vorneherein konzentrierte sich Leuchs im Studium auf Wirtschaft und Personalwesen. Zahlreiche Praktika untermauerten sein Interesse in diesem Bereich. Nach dem Abschluss des Magister Artium absolvierte Leuchs ein Management Trainee bei einer Versicherung. Und so begann seine Karriere, bei der er zeitweise Verantwortung für 2000 Leute trug und immer wieder Headhunter den Kontakt zu ihm suchten.

Neben dem Vertrieb ist auch die Digitalisierung von Servicedienstleistungen ein Steckenpferd des 53-jährigen, das ihn als Führungskraft in einem in der Finanzierung tätigen Unternehmen interessiert. „Die Krise der Banken“, so sagt Leuchs, „ist noch nicht vorbei“. Durch die Schrumpfung der Gewinne gäbe es Fusionen und – für den Kunden noch stärker spürbar – Schließungen von Filialen. Während es derzeit noch 1900 private Banken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken gäbe, sähen die Prognosen in 15 Jahren nur noch 150 bis 300 Banken am Markt. Die Banken, so der Referent, seien durch viele ihrer Praktiken in Verruf geraten. Das habe den Boden bereitet für alternative Anbieter – vor allem für Fintechs: Unternehmen, die mithilfe moderner Technologie spezialisierte Finanzdienstleistungen anbieten, beispielsweise Bezahlportale im Internet. „Fintechs tummeln sich nicht nur in Randbereichen des klassischen Bankings“, betont Leuchs, „sondern auch in den absoluten Kernbereichen. Sie drängen erfolgreich in den Kreditmarkt, sowohl für Privatpersonen als auch für Unternehmen." Die klassischen Banken müssten sich etwas überlegen, um nicht vom Markt zu verschwinden. Und da scheint sich eine Entwicklung anzubahnen, so der Referent: „Mittlerweile präsentieren sich die großen Banken im Schulterschluss mit Fintechs.“

Ob denn dieser Trend nicht zahlreiche Arbeitsplätze koste, war eine der Fragen aus dem Publikum an Gerrit Leuchs. „Jeder Trend birgt Chancen und Risiken“, meinte er. „Man muss keine Angst haben: Es wird neue Arbeitsplätze geben.“ „Was sollten die Schülerinnen und Schüler heute studieren, um im Vertriebsbereich erfolgreich zu sein?“, lautete eine weitere Frage. Das BWL-Studium sei eine sehr gute Grundlage, so der ehemalige Schüler des Gymnasiums Neureut, ein Studium des Vertriebsingenieurwesens oder auch eine Banklehre mit anschließendem Studium. Leuchs appellierte an die Schülerinnen und Schüler, das zu machen, wozu sie am meisten Lust hätten. Und obwohl er damals kein begeisterter Schüler war, sieht er den Nutzen seiner Schulzeit heute durchaus positiv: „Ich habe ein breites Allgemeinwissen erlangt, Sprachen gelernt, Motivation und Selbständigkeit erfahren“, betont er. „Ohne den Besuch des Gymnasiums wären meine Chancen in der Wirtschaft anders ausgefallen“. (mh)

„Seid neugierig, seid wissbegierig!“

Er kann es auch nach vielen Jahren noch richtig gut. Ohne jede Spur von Langeweile sitzen die Schülerinnen und Schüler fast eineinhalb Stunden da und lauschen ihm. Er
bezieht sie ein, er stellt Fragen, er hört gut zu und er reagiert verbindlich und wertschätzend auf die Antworten. Jürgen Striby, Leiter des Referats für Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung am Kultusministerium in Stuttgart, ehemaliger Schüler des Gymnasiums Neureut und ausgebildeter Grund- und Hauptschullehrer, trägt die Leidenschaft für das Unterrichten noch immer im Herzen. „Lehrerbildung in Bewegung: Ziele und Entwicklungen“ hieß Jürgen Stribys Vortrag im Rahmen der Reihe „Uni macht Schule“, der erste im Jubiläumsjahr. 50 Jahre alt wird das Gymnasium Neureut in diesem Schuljahr; und auch die Vortragsreihe soll ganz im Zeichen des Geburtstags stehen. Ehemalige Schülerinnen und Schüler, die mittlerweile Karriere gemacht haben, kommen in diesem Jahr zu Wort. Sie erzählen von ihrem Werdegang und widmen sich in ihren Vorträgen dann einem Schwerpunktthema ihrer Arbeit.
Jürgen Striby machte den jungen Zuhörern im Studiensaal vor allem Mut. „Seid neugierig, seid wissbegierig, geht in neue Welten“, forderte er sie auf. Die Möglichkeiten seien in der derzeitigen gesellschaftlichen Situation sehr gut. Das Gymnasium Neureut und mit ihm viele Lehrer hätten ihn damals geprägt und beeindruckt. „Lehrkräfte haben mir als Wissensträger die Welt erschlossen“, sagte er.
Er sei ein guter Schüler gewesen, insbesondere in Mathematik und den Naturwissenschaften. Dennoch habe er nach dem Abitur 1985 keine Orientierung gehabt. „Wenn man über seinen Werdegang spricht, läuft man Gefahr, ihn konstruiert darzustellen“, meinte er. „Ich möchte es so darstellen, wie es war“. Es habe Ungewissheiten und Brüche gegeben. Der Weg ins Ministerium jedenfalls war keinesfalls vorgezeichnet. Zunächst begann Striby Maschinenbau zu studieren. „Als dann aber der Professor in einer Vorlesung über die kristalline Struktur von Metall bei 600 Grad sprach, wurde mir klar: Nein, nein, das ist es nicht“, erzählte er. Die Mutter einer Freundin nahm ihn in der folgenden Zeit der Orientierungslosigkeit in eine Grundund Hauptschule mit. Dieses Erlebnis sei einschneidend gewesen und habe ihn zum Studium an die Pädagogische Hochschule geführt. Die anschließende Lehrtätigkeit an der Hauptschule habe ihm viel Freude gemacht. Sein Weg in den folgenden Jahren war überall geprägt von guter, engagierter Arbeit, von Menschen, die ihn förderten und von Zufällen. So kam er vom Lehramt in wenigen Jahren zur Lehrerausbildung, war in der Qualitätssicherung und -entwicklung tätig und wurde dann gefragt, ob er die Führungsakademie des Landes Baden-Württemberg besuchen wolle. „Damals habe ich lange Gespräche geführt“, erzählte er. „Denn es war klar, dass dies nun der Weg vom lehrenden in den Verwaltungsbereich sein würde“. Er entschied sich für die Führungsakademie, wurde anschließend Referent im Bereich Fortbildung am Kultusministerium, dann stellvertretender Stabschef und ist seit 2012 Leiter des

Referats für Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung. Er gehört zahlreichen Kommissionen und Arbeitsgemeinschaften, auch auf Bundesebene, an. So leitet er beispielsweise die AG Digitalisierung – ein Thema, das derzeit bundesweit im Bildungsbereich hochaktuell ist.
„Was macht einen guten Lehrer aus, was muss er können? Und: Was muss Lehrerbildung leisten?“, fragte Striby die Schülerinnen und Schüler und Gäste im Studiensaal. Und da tauten auch die Stillen, die Schüchternen auf. „Vorbild muss er sein“, findet ein Schüler. Motiviert, fachlich kompetent, respektvoll und Respekt einflößend sind weitere Eigenschaften, die sich Lernende von Lehrenden wünschen. „Bei mir hängt es sogar vom Lehrer ab, welches Fach ich mag“, sagte eine Schülerin.
Die Anforderungen an Lehrkräfte, fasste Striby zusammen, seien also enorm hoch. Und genau hier setze die Lehrerausbildung und -fortbildung mit zahlreichen Angeboten der Unterstützung an. „Verankert das aber nicht so, dass ich entscheide, was passiert“, bat er die Zuhörer. Die Spitze des Ministeriums, allen voran die Kultusministerin, erteile die Aufträge an sein Referat. „Wir setzen das dann in Formate um“, erklärte er.
Zahlreiche Dinge beeinflussten die Lehrerbildung: beispielsweise der Bildungsplan, die Einführung neuer Fächer, der Lehrkräftemangel, die Rahmenvorgaben der Kultusministerkonferenz und auch Studien, die die Leistungsfähigkeit von Schulsystemen untersuchen. Und hier ist Baden-Württemberg aktuell nur noch im mittleren Bereich angesiedelt. Das möchte die Spitze des Ministeriums ändern. Zwölf Arbeits- und Projektgruppen haben sich nun mehr als ein Jahr lang mit der Steigerung der Bildungsqualität und der Verbesserung von Bildungschancen beschäftigt. Auch Jürgen Striby war bei der Konzeption mit von der Partie. Das Ergebnis führt unter anderem zu einer Veränderung der Organisationsstruktur: Es wird ab 1. Januar 2019 ein Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung geben sowie ein Institut für Bildungsanalysen. Es bleibt also spannend für den ehemaligen Abiturienten des Gymnasiums Neureut. „Ich hätte euch meinen Lebenslauf auch als klaren Karriereplan darstellen können“, meinte er. Stattdessen aber machte er auch den orientierungslosen und zögerlichen Schülerinnen und Schülern Mut. „Auch ihr werdet Wege gehen, auch ihr werdet an Ziele kommen!“, sagte er, ganz im Sinne eines guten, motivierenden Lehrers. Er kann es eben – auch nach vielen Jahren noch. (mh)

 

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