Uni macht Schule

Unter dem Titel Uni macht Schule hat das Gymnasium Neureut zum Schuljahr 2007/08 eine Vortragsreihe gestartet, die Einblicke in die verschieden­­sten Wis­sen­schafts­be­rei­che bietet.

Renommierte Wissenschaftler berichten in allgemein ver­ständ­lichen Vorträgen aus ihren Forschungs­gebieten, um so bei unseren Oberstufenschülern Interesse für ein wis­sen­schaftliches Studium zu fördern. Auch der Lehrerschaft und der interessierten Schulöffentlichkeit stehen die Vorträge im Studiensaal des Gymnasiums Neureut offen.

Liste der bisherigen Referenten und Themen

Vorträge im aktuellen Schuljahr 2020/21

Depressionen: Einfluss nehmen auf das Denken, Fühlen und Handeln

Bis heute kennt man die genauen Ursachen der Depression nicht. Aber: „Um zu helfen, müssen wir das auch nicht genau wissen“, sagt Professor Dr. Martin Hautzinger. Es gehe darum, Einfluss zu nehmen auf das Denken, das Fühlen und das Handeln. „Wenn negative Lebensereignisse und Belastungen auf ein vulnerables Selbstsystem treffen, kann es zu einer Depression kommen“, so der Senior-Professor für Psychologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. So spricht er lieber von prädisponierenden Faktoren als von Ursachen, wenn er sagt, dass es tendenziell eher Frauen sind und dass Menschen mit niedrigerem sozialem Status häufiger betroffen sind. Armut, so Hautzinger, sei eine der entscheidenden Ursachen. Aber eben nur eine von vielen.

„Depressive Störungen im Kindes- und Jugendalter“ lautete der Titel des Vortrags, den Professor Hautzinger im Rahmen der Vortragsreihe „Uni macht Schule“ am Gymnasium Neureut hielt. Ohne zu zögern hatte der Experte für Depressionen und Bipolare Störungen sowie für Interventionsforschung auf die Frage, ob er am Gymnasium Neureut einen Vortrag halten könne, zugesagt. Die Veranstaltung, die Schülerinnen und Schülern ab der 10. Klasse Einblick in die Forschungsbereiche von Hochschulen geben und bei ihnen das Interesse an einem Studium wecken soll, fand nunmehr das zweite Mal online als Webinar statt. Mehr als 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren dabei, als der rührige und freundliche Professor spannend und durchweg auch für Jugendliche verständlich über dieses aktuelle Thema referierte. Wie zeigt sich eine Depression? Welche Faktoren gibt es, die sie begünstigen? Vor allem aber: Welche Möglichkeiten der Prävention und Behandlung gibt es? Mit all diesen Fragen beschäftigte sich Professor Hautzinger.

Die Symptome einer Depression sind vielfältig. So fühlten sich Betroffene über längere Zeit antriebslos, traurig, hilflos und lustlos. Es fehlt an Selbstbewusstsein und Freude. Manche seien auch nervös und gefangen in negativen Gedanken. Gerade bei Kindern und Jugendlichen sei die Diagnose nicht so einfach, da die Pubertät zeitweise mit ähnlichen Symptomen einhergehe. Eltern bemerkten bei ihren Kindern die Depression oft nicht. „Depressive Kinder werden häufig übersehen“, so Martin Hautzinger. „Sie schweigen, sie stören niemanden“. Bei Jugendlichen seien Freundinnen und Freunde bessere Beobachter als die Eltern.

Der Experte veranschaulichte, dass es hinsichtlich der Ursachen biologische, soziologische, demographische, persönlichkeits- und sozialisationsbedingte Faktoren gibt. Eine erbliche Veranlagung kann ebenso eine Rolle spielen wie Persönlichkeitsmerkmale, aber natürlich auch traumatische Erlebnisse oder hirnphysiologische Besonderheiten. Armut, Arbeitslosigkeit und ein Dasein als Hausfrau mit kleinen Kindern seien häufig anzutreffende Merkmale.

Die Depression wirkt sich körperlich, motivational, emotional, kognitiv und im Denken aus. Professor Hautzinger lenkte den Blick der Zuhörerinnen und Zuhörer vor allem auf das Dreieck aus Denken, Gefühlen und Handeln. Er machte deutlich, dass die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) beim Zusammenspiel zwischen diesen drei Bereichen des menschlichen Befindens Einfluss zu nehmen versucht. Warum? Im Zusammenspiel zwischen dem Denken, dem Fühlen und dem Handeln kann es eine Abwärts-, aber eben auch eine Aufwärtsspirale geben. So kann negatives Denken über die eigene Person oder auch die Umwelt zu negativen Gefühlen wie Traurigkeit und Hilflosigkeit führen. Diese Emotionen wiederum führen zu einem bestimmten Handeln – bei Depressionen oft Rückzug, Schweigen, mangelnde Aktivität. Mit der Kognitiven Verhaltenstherapie versuchen die Therapeutinnen und Therapeuten nun diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Sie stärken die Patienten, indem sie durch die Arbeit an den Bereichen des Dreiecks die anderen Bereiche jeweils positiv beeinflussen. So wird die Selbstsicherheit trainiert, dysfunktionale Gedanken aufgestöbert und Aktivitäten gefördert. Stimmungstagebücher und Comics helfen den Patientinnen und Patienten, negative Gedanken und Gefühle zu entdecken und an ihnen zu arbeiten. Dass diese Art der Therapie wirkt, machte der Referent mit Hilfe mehrerer Studien deutlich. „Mit einer Therapie verändern wir auch unser Gehirn“, so der Experte. „Verkümmerte Synapsen werden wieder aktiviert“.

Doch nicht nur therapeutisch lässt sich viel tun, auch präventiv gibt es Möglichkeiten, damit es erst gar nicht zu einer Depression kommt. „Go!“ heißt eines der Programme, die Professor Hautzinger vorstellte. Das acht Sitzungen mit jeweils 90 Minuten dauernde Programm beugt Ängsten und depressiven Tendenzen vor und zeigt den Jugendlichen Strategien auf, wie sie mit Stress umgehen und mit Hilfe von Aktivitäten gesund bleiben können. Ein spezielles Programm für 8. Klassen aller Schularten, das Professor Hautzinger mit Kolleginnen entwickelt hat und welches das Land Baden-Württemberg im Rahmen von „stark.stärker.WIR“ unterstützt, heißt „Lebenslust mit Lars und Lisa“. In zehn Doppelstunden werden hier in nach Geschlechtern getrennten Gruppen persönliche Ziele formuliert, der Zusammenhang zwischen Denken, Fühlen und Handeln gezeigt, das Selbstbewusstsein trainiert und alltägliche und soziale Fertigkeiten geübt. „Dieses Programm kommt gut an“, so Hautzinger. Es zeige beeindruckende Effekte auf die Verhinderung der depressiven Symptomatik. Überhaupt ist der Professor durchaus optimistisch: Die Depression selbst zeige zwar ein kompliziertes Bild. „Es gibt aber tolle Möglichkeiten zu schützen und zu helfen“. (mh)

Professor Hautzinger hat die Folien seines Vortrags zur Verfügung gestellt. Wer Interesse daran hat, kann sich bei Antje Maisch unter mhping@gymneureutpong.de melden.

Depressionen bei Kindern: Ursachen, Symptome, Behandlungsmöglichkeiten

Von einer „deutlichen Zunahme an Depressionen oder Angstzuständen bei Kindern und Jugendlichen“ schreibt das Deutsche Ärzteblatt und bezieht sich dabei auf eine Studie der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusam­men­arbeit und Entwicklung). Die Zunahme, so heißt es da, sei auf die Pandemie zurückzuführen – auf Einsamkeit, Unsicherheit und Zukunftsängste. Aber unabhängig davon, ob die Coronakrise Auslöser für Niedergeschlagenheit oder Ängste ist: Wie lässt sich eine Depression im Kinder- und Jugendalter überhaupt erkennen? Wie lässt sie sich von Stimmungsschwankungen abgrenzen? Welche Ursachen und Risikofaktoren gibt es?

Mit all diesen Fragen wird sich Professor Dr. Martin Hautzinger im nächsten Vortrag der Reihe „Uni macht Schule“ am Gymnasium Neureut beschäftigen. Sie trägt den Titel „Depressive Störungen im Kindes- und Jugendalter“ und findet am Dienstag, 29. Juni, als Webinar statt. Professor Hautzinger ist Seniorprofessor für Psychologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Nach Stationen in Bochum, Berlin, Konstanz, Mainz und im US-amerikanischen Eugene leitete er bis 2019 den Arbeitsbereich Klinische Psychologie und Psychotherapie am Fachbereich Psychologie der Universität Tübingen. Er ist Experte für Interventionsforschung (Psychotherapie, Prävention), Depressionen und Bipolare Störungen in verschiedenen Alters- und Zielgruppen, für Angststörungen, Alkoholabhängigkeit und Posttraumatische Belastungsstörungen. Professor Hautzinger ist Mitglied und im Vorstand zahlreicher Institute und Kliniken, unter anderem ist er Vorsitzender des Stiftungsrats der Deutschen Depressionshilfe und gehört zu den Gründern der Fliednerkliniken – Tageskliniken für Psychiatrie und Psychotherapie. Derzeit baut er im Nord-Irak eine Klinik und den Ausbildungsgang „Psychotraumatologie und Psychotherapie“ auf.

In seinem Vortrag wird es der Wissenschaftler nicht bei den Ursachen und Symptomen psychischer Krankheiten belassen. Wie lassen sie sich vorbeugen und behandeln? Auch dieser Frage wird Professor Hautzinger nachgehen.

Viermal jährlich gibt die Vortragsreihe „Uni macht Schule“ am Gymnasium Neureut Zehntklässlern und der Oberstufe Einblick in verschiedene Lehr- und Forschungsbereiche von Hochschulen, um das Ineresse an einem Studium zu wecken. Wie auch beim letzten Mal muss die Veranstaltung pandemiebedingt online stattfinden. (mh)

Politische Bildung: Mit Planspielen der Verdrossenheit entgegenwirken

Das Interesse für die Europäische Union, so schrieb die Süddeutsche Zeitung jüngst in ihrem Feuilleton, sei extrem gering – und das, obwohl der Staatenverbund so viel Einfluss auf unser Leben habe. Bei den wenigen Interessierten aber wecke die EU vor allem negative Assoziationen. „Das stimmt so nicht“, widerspricht Monika Oberle. Seit vielen Jahren forscht die Professorin für Politikwissenschaft und ihre Didaktik zur politischen Bildung von Bürgerinnen und Bürgern – vor allem von Jugendlichen. Die Resultate empirischer Studien liefern ein anderes Bild: „Nur eine kleine Gruppe interessiert sich wirklich gar nicht für die EU“, erläutert die Politikwissenschaftlerin, die einen Lehrstuhl an der Universität Göttingen innehat. Mehr als 60 Prozent der jungen Menschen bis 25 Jahre hätten eine positive oder gar sehr positive Meinung von der Union. Vor allem die Freizügigkeit des Reisens, Arbeitens und Studierens, kulturelle Vielfalt, Frieden und Demokratie verbinden die jungen Leute mit der EU. „Politische EU-Bildung – Ziele, Herausforderungen und vielversprechende Ansätze“ war auch der Titel ihres Vortrags, den die Professorin im Rahmen der Reihe „Uni macht Schule“ am Gymnasium Neureut hielt. Erstmals fand die Veranstaltung – aufgrund der Pandemie – online statt. Das Interesse war groß: Knapp 60 Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen sowie der Oberstufe waren bei dem Webinar mit von der Partie.

Monika Oberle machte deutlich, dass Politische Bildung Verfassungsrang hat und Demokratie gelernt werden muss. Die Demokratiebildung habe in der Kultusministerkonferenz in den vergangenen Jahren nochmals besondere Aufmerksamkeit erfahren. Politikbildung sei zwar der Auftrag der Schule, gleichzeitig aber dürfe keine Überwältigung der Schülerinnen und Schüler stattfinden. „Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers diskutiert werden“, erklärte die Professorin den sogenannten Beutelsbacher Konsens. Nichtsdestotrotz sei politische Bildung keinesfalls neutral, wenn es darum gehe, ein klares Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung mit ihrem Pluralismus und der Rechtsstaatlichkeit zu vermitteln. Politische Bildung ziele auf Politikkompetenz, was Fachwissen, Urteilsfähigkeit, politische Einstellungen und Handlungsfähigkeit gleichermaßen umfasse. Besonders wichtig sei das Gefühl der Selbstwirksamkeit und der Responsivität. Wer den Eindruck hat, etwas bewirken zu können und von Entscheidungsträgern gehört zu werden, hat mehr Vertrauen in die Demokratie und beteiligt sich auch mehr.

Ob politische Bildung allgemein oder EU-Bildung im Spezifischen: „Auf den Lehrer und die Lehrerin kommt es an!“, so Oberle. In den meisten Bundesländern unterrichteten aber noch immer sehr viele Lehrkräfte fachfremd Politik, was die Wissenschaftlerin als Herausforderung sieht. Hinsichtlich der EU-Bildung gelte grundsätzlich, dass der Unterricht europaoffen, aber nicht unreflektiert, sondern konstruktiv kritisch sein solle. Ein Problem sei, dass viele Lehrkräfte angesichts der Hyperkomplexität und der Dynamik das Thema EU in der Vermittlung als besonders schwierig empfänden.

Einer von mehreren Ansatzpunkten, politische Bildung zu verbessern, ist für Monika Oberle die empirische Forschung, um entsprechende Wege einschlagen zu können. Welche Ergebnisse hat die empirische Forschung zur EU-Bildung bisher offenbart? „Das Wissen von Schülerinnen und Schülern über die EU wird stark davon beeinflusst, ob das Thema im Unterricht behandelt wurde“, erläuterte Oberle eines von vielen Ergebnissen der sogenannten WEUS II-Studie. Auf welche Art und Weise können Lehrkräfte politische Bildung mit ihren verschiedenen Dimensionen vermitteln? „Planspiele“, betont die Professorin, „eignen sich ganz gut“. So habe sich in einer Studie mit 308 niedersächsischen Schülerinnen und Schülern gezeigt, dass sich „zwischen vorher und nachher einiges getan hat“. Nach 3 Stunden Planspiel stiegen die Selbstwirksamkeitserwartung und das Responsivitätsgefühl, erhöhten sich die Kenntnisse über die Funktionsweise der EU allgemein und über die Entscheidungsfindung im Speziellen signifikant. Die Jugendlichen fanden das Spiel keineswegs langweilig oder gar zu schwer. „Planspiele können der Verdrossenheit gegenüber politischen Prozessen entgegenwirken“, ist die Wissenschaftlerin überzeugt. Es gebe sie nicht nur für die Bildung zur EU, sondern auch zur Medienkompetenz, beispielsweise zum Thema „fake news“.

Ein Thema, das Monika Oberle ebenfalls am Herzen liegt, ist das unterschiedliche Wissen und das unterschiedliche Interesse von Mädchen und Jungen über Politik. Zum einen: „Das Interesser an Politik geht in der Jugend weiter auseinander“, so Oberle. Zum anderen: Mädchen schätzten ihr Wissen schlechter ein. Wie kann man dem entgegenwirken? Es gelte, Vorbilder zuzuschalten – zum Beispiel Politikerinnen, die allein durch ihre Position deutlich machten, dass Politik keine männliche Domäne ist. Und: Für mehr Ausgleich sorgen. „Wenn man in einem Planspiel einem Mädchen die Leitungsrolle gibt“, so die Professorin, „dann trauen sich auch die anderen Teilnehmerinnen mehr zu“. (mh)

Uni macht Schule: Vielversprechende Ansätze für mehr EU-Bildung

Die Europäische Union erscheint vielen als kompliziertes Konstrukt. Obwohl mittlerweile zahlreiche Entscheidungen über das Leben in den 27 Mitgliedstaaten in Brüssel getroffen werden, gibt es nur wenige Bürgerinnen und Bürger, die sich mit den Prozessen und Akteuren des Staatenverbunds gut auskennen. Gibt es Möglichkeiten, das zu verändern? "Politische EU-Bildung – Ziele, Herausforderungen und vielversprechende Ansätze" ist der Titel des Vortrags, der im Rahmen der Reihe „Uni macht Schule“ am Freitag, dem 16. April am Gymnasium Neureut stattfindet – wegen der Pandemie erstmals online als Webinar. Referentin ist Professorin Dr. Monika Oberle vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Göttingen. Prof. Oberle, die in Karlsruhe Abitur gemacht hat, studierte in Marburg, London und Berlin Politikwissenschaft, war viele Jahre als Referentin in der politischen Bildung tätig und arbeitete dann als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Politikwissenschaft und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Schon ihre Doktorarbeit beschäftigt sich mit dem Wissen von Jugendlichen über die Europäische Union. Seit 2011 arbeitet sie als Professorin für Politikwissenschaften/Didaktik der Politik an der Universität Göttingen. Darüber hinaus ist sie unter anderem Sprecherin der Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung sowie Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Bundeszentrale für politische Bildung. Durch die Vorträge der Reihe „Uni macht Schule“ am Gymnasium Neureut sollen Schülerinnen und Schüler ab der 10. Klasse über die unterschiedlichen Lehr- und Forschungsbereiche an Hochschulen informiert und für ein Studium begeistert werden. (mh)

Uni macht Schule zur Optoelektronik: "Gestaltet die Zukunft mit!"

Die Faszination hat kein bisschen nachgelassen. Noch heute weiß Uli Lemmer, was ihn in den Anfängen seines Studiums an der Optoelektronik, dieser Mischung aus Natur- und Ingenieurwissenschaft, so begeistert hat. „Ich wollte einerseits Dinge verstehen, andererseits Dinge machen und Lösungen für Probleme finden“, sagt er. Heute ist er einer der führenden Köpfe im weiten Feld der Forschung zur Optoelektronik, er ist Leiter des Lichttechnischen Instituts am Karlsruher Institut für Technologie und Koordinator der Karlsruhe School for Optics and Photonics.

Dass der Professor trotz der Pandemie im Rahmen der Vortragsreihe „Uni macht Schule“ ans Gymnasium Neureut gekommen war, ist nicht nur eine große Ehre, sondern für die zertifizierte MINT-Exzellenzschule auch ein großer Gewinn. Der Andrang auf die Veranstaltung, die Schülerinnen und Schülern ab der 10.Klasse einen Einblick in Forschungsbereiche von Hochschulen geben und sie für ein Studium begeistern soll, war enorm; angesichts der hohen Corona-Fallzahlen durften die Zehntklässler dieses Mal aber leider nicht teilnehmen. Uli Lemmer hielt seinen Vortrag zweimal hintereinander – für die Elft- und die Zwölftklässler getrennt – damit die Gruppen sich nicht mischen.  

Dass er für seinen Job und diesen multidisziplinären Forschungsbereich immer noch „brennt“, wie er sagt, und wie vielfältig die Anwendungsmöglichkeiten der optischen Technologien sind, zeigte der Referent anschaulich an zahlreichen Beispielen. So beschäftigt sich Professor Lemmer mit den sogenannten OLEDs, organischen Leuchtdioden für die Displaytechnologie. Während LCDs immer eine Hintergrundbeleuchtung benötigen, leuchten bei OLEDs die Bildpunkte selbst. Das schärft die Kontraste und spart Energie. „Die Welt voranzubringen und Produkte zu generieren“, das sei sein Antrieb, so Lemmer. Während ein Bereich der Optoelektronik in der Lichterzeugung, der Modulation und Übertragung des Lichts besteht, widmet sich der andere Bereich der Herstellung von elektrischer Energie durch Licht – der sogenannten Photovoltaik. Die Fortschritte der vergangenen Jahre sind auf diesem Gebiet gewaltig. „Die Photovoltaik kann die Energieproblematik der Menschheit lösen“, so Uli Lemmer. In einem neuartigen Verfahren können organische Solarzellen im Rotationsverfahren gedruckt werden. „Die Solarzellen werden dann von der Rolle geschnitten“, erklärt Lemmer in seinem Vortrag. Ebenso lassen sich mittlerweile bestimmte Solarzellen als Schichtsysteme mit dem Tintenstrahldrucker herstellen. Ein Ziel der Forschung ist die Steigerung der Effektivität der Solarzellen, die bei rund 22 Prozent liegt. Die Frage ist nun, wie das Farbspektrum des Lichts durch die Solarzellen noch besser genutzt werden kann. Hier werden beispielsweise mehrere Materialschichten übereinandergestapelt, die jeweils verschiedene Wellenlängen absorbieren, um so die Wirkungsgrade zu steigern. Obwohl der Löwenanteil der Produktion mittlerweile in Asien – vor allem in China – stattfände, sei Deutschland enorm stark bei den Materialien und dem Anlagenbau, betonte Lemmer. Viele weitere zukunftsträchtige Forschungsbereiche nannte der Forscher, die nicht nur spannend seien, sondern mit denen man auch Geld verdienen könne. Ob die Technik der Mikroskopie, die mittlerweile den Einblick in eine Zelle im 100 Nanometer-Bereich erlaubt, ob Medizintechnik mit der Optimierung der Computertomographie, die Lasertechnik oder die Forschung zur Steigerung der Energieeffizienz von Glasfasern: All das wird die Wissenschaft und Wirtschaft im „Jahrhundert der Photonen“ prägen.

So ganz ohne Hintergedanken war Uli Lemmer übrigens nicht ans Gymnasium Neureut gekommen. Ob Physik, Elektrotechnik oder Informationstechnik: „Wir haben zu wenig Studienanfänger“, sagt er.  Und dabei wünsche er sich so sehr ein Silicon Valley in Nordbaden. „Da ergeben sich jedes Jahr Tausende von Jobs“, warb der Professor. Lauter Berufe, in denen man etwas verbessern, etwas entwickeln, etwas bewegen könne. „Gestaltet die Zukunft mit!“, appellierte er, und: „Ich setze auf euch!“ (mh)

"Photovoltaik" oder "Optische Technologien": Zwei Themen zur Auswahl

Die Digitalisierung und der Kampf gegen den Klimawandel werden vermutlich die wichtigsten Themen sein, wenn die Corona-Pandemie die Schlagzeilen nicht mehr beherrscht und überwunden sein wird. Um in diesen Bereichen zukunftsfähig zu sein, bedarf es der Entwicklung innovativer Technologien und Materialien, vor allem aber bedarf es kluger Köpfe, die diesen Prozess vorantreiben. Einer von ihnen ist Professor Dr. Uli Lemmer, Leiter des Lichttechnischen Instituts an der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik am KIT. Seine Forschungsinteressen gelten insbesondere der Technologie und den Anwendungen von druckbaren organischen und anorganischen Halbleitern für die Optoelektronik. Wie vielfältig, wichtig und interessant dieser Forschungsbereich für die Zukunft ist, wird Professor Lemmer bei seinem Vortrag im Rahmen von „Uni macht Schule“ am Freitag, 11. Dezember, ab 15 Uhr in der Mensa des Gymnasium Neureut deutlich machen. Erstmals in der Geschichte der Vortragsreihe dürfen die Schülerinnen und Schüler sich eines von zwei Themen aussuchen, über das der Referent dann sprechen wird. „Photovoltaik & Co.: Der Siegeszug der Regenerativen Energien“ und „Optische Technologien: Wie Photonen die Welt verändern“ heißen die Themen, die Professor Lemmer den Jugendlichen zur Auswahl stellt.

Im Vortrag über die Regenerativen Energien wird Uli Lemmer über die verschiedenen Technologien und Herausforderungen bei der Bewältigung der Energiewende sprechen. Hierbei nimmt er vor allem Photovoltaik in den Blick, die in sonnenreichen Gegenden die mit Abstand kostengünstigste Art ist, elektrischen Strom zu erzeugen. Welche technischen Herausforderungen damit einhergehen, welche Forschungsprojekte es im Bereich der Photovoltaik gibt und welche vielfältigen beruflichen Möglichkeiten hier entstehen, wird der Referent den Schülerinnen und Schülern vermitteln.

Uli Lemmers Vortrag über optische Technologien wird sich mit der Nutzung von Licht als einem zentralen Baustein der Gesellschaft beschäftigen. So könnte ohne Mikroskope kein Corona-Impfstoff entwickelt werden, ohne Photonen, die in Glasfasern um die Welt geschickt werden, gäbe es kein Internet und ohne die Photovoltaik wäre die Klimakatastrophe kaum aufzuhalten. Professor Lemmer spricht von der Photonik und Optoelektronik als einem stark wachsenden und in Deutschland besonders erfolgreichen Zweig der Industrie und Wissenschaft. Auch hier wird der Referent Beispiele der Forschung am KIT aufgreifen und einen Überblick über die vielfältigen beruflichen Möglichkeiten in einem spannenden und multidisziplinären Arbeitsgebiet geben.

Uli Lemmer stammt aus Gummersbach in Nordrhein-Westfalen und hat an der RWTH Aachen 1990 sein Diplom in Physik abgelegt. Er promovierte an der Philipps-Universität in Marburg mit einer Arbeit zu organischen Leuchtdioden. Nach einem Forschungsjahr in Santa Barbara in Kalifornien leitete er eine Forschungsgruppe an der Ludwig-Maximilians-Universität München, bevor er 2002 zum Professor der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik am KIT ernannt wurde. Hier leitet er das Lichttechnische Institut und ist seit 2006 außerdem Koordinator der Karlsruhe School of Optics & Photonics. (mh)

 

Künstliche Intelligenz: Algorithmen und die Angst vor der Ersetzbarkeit

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Maschine dem Menschen in allen Formen der Intelligenz überlegen ist. Lediglich bei der emotionalen und sozialen Intelligenz hat der Mensch gegenüber dem Computer noch einen kleinen Vorsprung. Aber: „Das Wachstum bei der künstlichen Intelligenz ist exponentiell“, so Professor Dr. Rainer Neumann von der Hochschule Karlsruhe. Selbst bei der Kreativität hinkt der Mensch den von ihm selbst geschaffenen neuronalen Netzwerken mittlerweile hinterher. So vermögen Computer klassische Musik zu komponieren – im Stil von Mozart, Haydn, Bach oder Beethoven.

 „Künstliche Intelligenz – Sollen Maschinen für uns entscheiden“ hieß der jüngste Vortrag im Rahmen der Reihe „Uni macht Schule“ am Gymnasium Neureut. Während die Veranstaltung, die Schülerinnen und Schülern einen Einblick in Bereiche und Themen universitärer Arbeit geben und sie für ein Studium begeistern soll, im März wegen der Schulschließung ausgefallen war, fand sie jetzt unter großem Interesse statt.

Auch wenn es die Künstliche Intelligenz (KI) nicht gibt, so lässt sich doch verallgemeinernd sagen, dass es sich dabei um Computerprogramme handelt, die in der Lage sind, riesige Mengen an Daten mithilfe neuronaler Netzwerke nicht nur zu verknüpfen, sondern daraus zu lernen und letztendlich Prognosen und Entscheidungen zu treffen.  Professor Neumann, der Wirtschaftsinformatik lehrt, veranschaulichte die Fortschritte bei der Künstlichen Intelligenz anhand von Beispielen. So ist Alphazero ein Computerprogramm, das allein durch die Kenntnis der Spielregeln und durch das Spielen gegen sich selbst komplexe Brettspiele erlernen kann. Vergleiche man die Lernkompetenz dieses Programms mit dem Lernen des Menschen, so mache die Maschine 180 Tage Spielerfahrung an einem einzigen Tag. Der Referent machte auch deutlich, dass es keinen Beruf geben wird, der vom Vormarsch der selbstlernenden Maschinen nicht betroffen sein wird. Beispielhaft nannte er Übersetzer und Anwälte. So lernten die Computerprogramme beispielsweise zwei Sprachen durch unzählige Beispiele – aus Alltag, Literatur und Wissenschaft – und könnten dann nahezu perfekte Übersetzungen erstellen. „Die Programme lernen das so, wie Kinder sprechen lernen“, erklärte Professor Neumann, „nur eben viel schneller“. Ob es sich um virtuelle Assistenten für den Alltag wie Alexa oder Siri handelt, um Medizintechnik zur Diagnose schwerer Krankheiten, um künstliche Tiere für japanische Senioren oder um das End-to-end-learning beim autonomen Fahren: Die Künstliche Intelligenz betrifft mittlerweile alle Lebensbereiche.

Wenn der Mensch eine Maschine schafft, die ihn selbst in vielen Bereichen überflüssig macht – wie geht das Leben dann weiter? Der Vormarsch der KI geht mit der Angst des Menschen vor Kontrollverlust, Überwachung und nicht zuletzt vor der eigenen Ersetzbarkeit einher. Und: Es stellen sich ethische und moralische Fragen. Während bei manchen Entscheidungen die Moral keine große Rolle spielt und es von Vorteil ist, dass „die Maschine weder pessimistisch noch optimistisch entscheidet“, wie Professor Neumann betont, gibt es andere, bei denen Werte, Normen und Regeln von großer Wichtigkeit sind. Da Werte aber nicht in allen Gesellschaften der Welt und nicht einmal in allen innergesellschaftlichen Gruppen gleich sind, stellt sich die Frage, wie eine Entscheidung zum Beispiel in einer Dilemma-Situation getroffen werden soll. „Wer bestimmt, wie die Algorithmen entscheiden? Wer versteht die Regeln? Wie können die Regeln gesellschaftlich diskutiert werden?“, nennt der Informatiker nur drei der Fragen, die beantwortet werden müssen, um die Risiken beim Einsatz der Algorithmen – beispielsweise nicht erkennbare Begründungen, versteckte Manipulation, Vorurteile und Diskriminierung – zu minimieren. Vor allem gehe es auch darum, Transparenz zu schaffen und die Komplexität zu beherrschen.

Viele Firmen erlegen sich mittlerweile selbst Regelwerke und Verpflichtungen auf, wie Professor Neumann betont. So verspricht beispielsweise Microsoft einen fairen, transparenten, die Privatsphäre schützenden Einsatz der Künstlichen Intelligenz. Ähnlich transparent will IBM vorgehen. Die Europäische Union hat 2019 Leitlinien für vertrauenswürdige KI entwickelt, die nicht nur menschliche Aufsicht und Kontrolle einfordern, sondern von der KI auch einen nachhaltigen Nutzen für Gesellschaft und Umwelt erwarten. Aber trotz dieser Leitlinien bleiben Fragen, wie der Referent klarstellt: „Wer entwickelt die Regelwerke? Wer trifft die politischen Entscheidungen? Welche Macht soll Künstliche Intelligenz haben? Wer verhindert Missbrauch?“ Die Antworten auf diese Fragen musste Professor Neumann in seinem rundum interessanten und vielfältigen Vortrag zwangsläufig schuldig bleiben. Und mit einer weiteren unbehaglichen und in ihrer Konsequenz kaum ausdenkbaren Frage ließ der Informatiker die Zuhörerschaft allein: „Werden Maschinen irgendwann ein Bewusstsein entwickeln?“ (mh)

 

Vorträge im Schuljahr 2019/20

Digitalisierung an Schulen: „Die Technik hat nur eine dienende Funktion“

„Lernen ist mühevoll, anstrengend und teilweise ätzend“, meinte Johannes Gutbrod. Und die Schülerinnen und Schüler im gut besuchten Studiensaal des Gymnasiums Neureut stimmten dem Referenten nickend zu. Das, so meinte der promovierte Pädagoge, würde sich auch durch die Digitalisierung nicht verändern. Er warnte davor zu denken, dass mühevolles Lernen durch die Digitalisierung einfacher und weniger anstrengend würde, dass Lernen durch die Technik jetzt quasi von selbst gehen könne. Fünf Milliarden Euro sollen den Schulen durch den sogenannten Digitalpakt der Bundesregierung zugutekommen. Allein in Karlsruhe sind 15,7 Millionen Euro für die Ausstattung mit digitalen Geräten vorgesehen. Voraussetzung für die Unterstützung ist, dass jede Schule für ihre jeweilige Digitalisierung ein spezielles pädagogisches Konzept, den sogenannten Medienentwicklungsplan, vorlegt. Der Digitalpakt war unter anderem der Anlass für Johannes Gutbrod, sich mit diesem Thema näher zu beschäftigen. „Möglichkeiten und Grenzen der Digitalisierung von Schule und Unterricht“ lautete dann auch der Titel seines Vortrags, den er im Rahmen der Vortragsreihe „Uni macht Schule“ am Gymnasium Neureut hielt.
Gutbrod, der selbst Studienrat für Deutsch, Geographie und Sport an einem beruflichen Gymnasium ist und darüber hinaus als Dozent am Institut für allgemeine Pädagogik des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) arbeitet, betonte die Wichtigkeit der Unterscheidung zwischen Lerntechnik und Lernmethode. Lernen, so definierte er zunächst, sei die Transformation des Menschen vom Naturzustand in den Kulturzustand. „Die Schülerinnen und Schüler sollen nach Verlassen der Schule sachliches und sittliches Wissen als mündige Bürger besitzen“, erklärte der 33jährige. Dafür seien die Lehrkräfte verantwortlich. Während die reinen Inhalte vom Lehrplan vorgegeben würden, lägen die Lerntechniken und die Methoden in den Händen der Lehrerinnen und Lehrer. Er beschrieb die Unterscheidung zwischen Lerntechnik und -methodik mithilfe des Buchstabierens. „Wer die Technik des Buchstabierens beherrscht, muss noch lange nicht die Methode des Verstehens beherrschen“, meinte Gutbrod. Regelkonformes Schreiben, so ein weiteres Beispiel, heiße noch lange nicht sinnvolles Schreiben. „Die Technik also hat immer nur eine dienende Funktion“, betonte er. Sie unterstütze das Lernen, ohne selbst schon Inhalte oder Sinn zu erzeugen. Lernen selbst sei dagegen vor allem „eigenständige Geistesarbeit“. Die digitalen Medien sieht er entsprechend als technische Arbeitsgeräte, die allerdings in den Köpfen der Lernenden erst einmal als solche wahrgenommen werden müssten. „Das Tablet wird in der Schule vom Freizeit- zum Arbeitsgerät transformiert“, gab er zu bedenken.
In dem kurzweiligen Vortrag des Pädagogen wurde deutlich, dass für ihn digitale Geräte in der Schule durchaus einen Nutzen haben, der allerdings begrenzt ist. So sieht er beispielsweise den Einsatz von Tablets im Unterricht in den Phasen der Gruppenarbeit, der Recherche, in Übungsphasen, zur individuellen Förderung und zum selbstorganisierten Lernen als durchaus sinnvoll an. Digitale Medien könnten motivieren und aktivieren, sie seien nützlich beim Präsentieren, Differenzieren und Individualisieren. „Sie zu verwenden“, so betonte Johannes Gutbrod am Schluss aber noch einmal, „heißt noch lange nicht, etwas gelernt zu haben“. (mh)

Strahlende Lebkuchen und Kammern aus Kriegsschiffen

Was hat ein Lebkuchen mit radioaktiver Strahlung zu tun? Und warum muss eine Stahlkammer ausgerechnet aus dem Material eines Kriegsschiffes gebaut sein? Dr. Bastian Breustedt hatte auf diese ungewöhnlichen Fragen interessante Antworten. „Radionuklide im menschlichen Körper“ lautete der Titel des Vortrags, den der Physiker im Rahmen der Reihe „Uni macht Schule“ im gut besetzten Studiensaal des Gymnasiums Neureut hielt. Ziel dieser Veranstaltungsreihe ist es, Schülerinnen und Schülern ab Klasse 10 die Vielfalt der Fächer und Themen an Hochschulen näherzubringen. Viermal jährlich wird ein solcher Vortrag angeboten; die Schülerinnen und Schüler können hier Scheine erwerben, sammeln und so ein Zertifikat zum Abiturzeugnis erhalten. Das höchste Ziel aber ist, dass der Funke der Begeisterung überspringt. Und Bastian Breustedts Vortrag hatte durchaus das Zeug dazu, an Physik interessierte Gymnasiasten für ein solches Studium zu begeistern. Der 44-jährige ist Leiter der Radioanalytischen Labor bei der Stabsstelle „Sicherheit und Umwelt“ (SUM) des Karlsruher Instituts für Technologie. Er hat die Lehrbefugnis im Fach Strahlenschutz, ist Medizinphysikexperte und hält darüber hinaus Vorlesungen über Physiologie und Anatomie sowie Dosimetrie.
Die Stabsstelle SUM hat die Aufgabe, die radiologische und konventionelle Sicherheit am KIT zu gewährleisten, nimmt aber auch auswärtige Aufträge entgegen. Da in den Radioanalytischen Laboren Theorie und Praxis Hand in Hand gehen, konnte Bastian Breustedt einen sehr anschaulichen Vortrag halten. Er schaffte es, die meisten Zuhörerinnen und Zuhörer im Studiensaal bei ihrem Vorwissen abzuholen und sie weiterzuführen. Was ist Radioaktivität überhaupt? Wie wird Strahlung gemessen? Wo kommt sie vor? Wie wirkt sie? Wie wird in den Radioanalytischen Laboren gearbeitet? Ionisierende Strahlung, also Strahlung von radioaktiven Stoffen, so Breustedt, sei ubiquitär, also überall zu finden – auch in der Natur. „Radioaktivität ist eine Eigenschaft von Atomkernen“, erklärte er. „Sind sie instabil, können sie zerfallen.“ Instabile Kerne, die Radionuklide genannt werden, setzen beim Umbau oder Zerfall Energie in Form von Strahlung frei. Dadurch entsteht Alpha-, Beta- oder Gammastrahlung mit einer jeweils unterschiedlichen Strahlungsreichweite und einer unterschiedlichen biologischen Wirksamkeit. Während mit der Maßeinheit Becquerel die Anzahl der zerfallenden Atome in einer Sekunde gemessen wird, ist die Einheit für die biologisch gewichtete Strahlendosis das Sievert. „Die Karlsruher waren Anfang der 60er-Jahre durch Umgebungsstrahlung 70-100 Becquerel ausgesetzt“, erzählte der Physiker. „Nach den Atomwaffenversuchen in den Folgejahren stieg sie auf 700 Becquerel an“. Glücklicherweise, so Breustedt, sank sie wieder, bis es 1986 zur Nuklearkatastrophe von Tschernobyl kam; in deren Folgejahren die Belastung wieder sank.
In den Radioanalytischen Laboren werden Menschen, die in ihrem Alltag oder Beruf besonders hoher – natürlicher oder künstlicher – Strahlung ausgesetzt sind, auf ihre Strahlenbelastung hin untersucht. Dazu gehören beispielsweise Personen, die immer oder zeitweise in Kernkraftwerken oder in unmittelbarer Nähe arbeiten. Um ein möglichst genaues Ergebnis der Strahlenbelastung zu bekommen, musste die Umgebungsstrahlung in den Laboren auf ein Minimum reduziert werden. Und so wurde bereits vor vielen Jahren eine Stahlkammer aus dem Material eines Kriegsschiffes gebaut. „Diese Kammer ist sehr arm an Radioaktivität, weil es damals noch keine Atomwaffenversuche gab“, erklärte der Referent. Und so weise die Kammer innendrin nur noch ein Hundertstel der Umgebungsstrahlung auf.
Was passiert, wenn ein Körper einer Strahlung ausgesetzt ist oder war? Zunächst, so Breustedt, trete die Strahlung in Wechselwirkung mit der Zelle. Es gebe es eine sehr schnelle physikalische Wirkung: „Die Ionen reagieren miteinander“. Es folgten die chemischen Auswirkungen mit der Schadensausbreitung im ganzen Körper. Sehr lange dauere dann die biologische Effektentstehung – oft Jahre später könne durch die Schädigung des Erbguts beispielsweise Krebs entstehen. Das Ziel sei es natürlich, diese Krebsfälle zu verhindern. Die Schwierigkeit besteht aber darin, verschiedene Krebsfälle ursächlich mit der Strahlenwirkung zu verknüpfen. Hier kommt ein weiteres Fachgebiet Breustedts ins Spiel: die Dosimetrie. Sie untersucht Verfahren zur Messung einer Dosis bei der Wechselwirkung eines Körpers oder Materials mit ionisierender Strahlung. Durch diese Forschung entstehen dann die Grenzwerte für die Bevölkerung und bestimmte Berufsgruppen. 1 Millisievert ist der Grenzwert für die jährliche Strahlenbelastung der Bevölkerung, die beispielsweise aus kerntechnischen Anlagen resultiert. Zum Vergleich: Ein Flug von München nach Japan entspricht einer Dosis von etwa 0,1 Millisievert, eine Ganzkörpertomographie 10-20 Millisievert.
Bastian Breustedt machte den Schülerinnen und Schülern in seinem Vortrag, aber auch darüber hinaus deutlich, wie interessant die Physik ist: „Man kann sehr viel damit machen.“ Auch lud er die Physikkurse am Gymnasium Neureut zu einer Besichtigung der Radioanalytischen Labore am SUM ein. Und dann bot Bastian Breustedt Lebkuchen an. Die übrigens strahlen auch – wie viele andere Lebensmittel. Durch das radioaktive Kalium-40, das in der als Backtriebmittel verwendeten sogenannten Pottasche enthalten ist, liegt die Dosis pro Lebkuchen bei 28 Nanosievert, also 28 Milliardstel Sievert. Wie viele Lebkuchen müsste man essen, bevor es gefährlich werden könnte? Etwas 35 000, meinte der Physiker und betonte, dass bei einer solchen Menge an Lebkuchen die Strahlung vermutlich das geringste Problem sei.

(mh)

Flyer

Vorträge im aktuellen Schuljahr 2018/19

Dr. Sandra Meinzer: Begeistert von ihrem Fachgebiet

Der Beruf der Ärztin war ihr keinesfalls in die Wiege gelegt worden. Sandra Meinzer stammt aus einer Handwerkerfamilie; und während des Medizinstudiums in Greifswald und Freiburg wurde sie so manches Mal verwundert gefragt, warum sie denn dann Ärztin werden wolle. Da sei „diese Begeisterung für die Biologie“ gewesen, erzählt sie. Ihr ursprüngliches Interesse galt der Neurologie. Heute ist Sandra Meinzer Oberärztin der Medizinischen Klinik II, der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Diabetologie am Städtischen Klinikum in Karlsruhe. Die Ärztin war die nunmehr vierte Referentin der Vortragsreihe „Uni macht Schule“ im Jubiläumsjahr des Gymnasiums Neureut. Üblicherweise referieren bei dieser Veranstaltung Dozentinnen und Dozenten von Hochschulen, um die Schülerinnen und Schülern der Oberstufe für ein Studium zu begeistern und ihnen Einblick zu geben in die verschiedenen Lehr- und Forschungsbereiche. Im Jahr des 50. Geburtstags der Schule an der Unterfeldstraße aber waren ehemalige Schülerinnen und Schüler eingeladen, die mittlerweile Karriere gemacht haben.
„Moderne Diagnostik und Therapie bei Magen- und Darmerkrankungen: Von der Kontrastmittelsonografie bis zur Radiofrequenzablation“ hieß das Thema des Vortrags von Sandra Meinzer, zu dem auch interessierte Gäste in den Studiensaal des Gymnasiums Neureut gekommen waren. 1998 hat Sandra Meinzer Abitur gemacht, seit 2005 bereits arbeitet sie an der Medizinischen Klinik II, seit nunmehr drei Jahren als Oberärztin. In den 14 Jahren hat sie sehr viele Zusatzqualifikationen erworben: Notfallmedizin, Fachärztin für Innere Medizin sowie für Gastroenterologie und zuletzt qualifizierte sie sich auch für Internistische Intensivmedizin.
Dass sie begeistert ist von ihrem Fachgebiet und von den modernen Methoden der Diagnose und Therapie von Krankheiten des Verdauungstraktes, merkte man ihrem auch für Laien weitestgehend verständlichen Vortrag deutlich an. „Das Fachgebiet ist sehr spannend: Wir haben es mit mehreren Organen zu tun und mit Patienten, die vom Kindesalter bis ins hohe Alter reichen“, erzählte sie. Zum Werkzeugkasten der Internisten – hier der Gastroenterologen – gehört neben dem Sehen, Zuhören, Fragen und der körperlichen Untersuchung die Labordiagnostik. Darüber hinaus aber bietet die moderne Diagnostik hervorragende Möglichkeiten, Krankheiten durch Ultraschall, Funktionsuntersuchungen, Endoskopie, CT oder MRT zu entdecken. Manche dieser Diagnosegeräte sind auch in der Lage, Gewebeveränderungen abzutragen oder Verschlüsse zu öffnen, also auch gleichzeitig zu therapieren. Dabei hänge es davon ab, wie viele Hautschichten von den Veränderungen betroffen sind, stellte die Ärztin klar. „Wir müssen mindestens eine von drei Schichten stehen lassen“, so Meinzer. Gehe krankes Gewebe über diese Schicht hinaus, sei die Therapie dann Sache des Chirurgen.
Dr. Meinzer stellte in ihrem Vortrag zahlreiche Verfahren vor. So ist es durch die Kapselendoskopie beispielsweise möglich, den Dünndarm, der noch vor einigen Jahren eine „black box“ war, auf Veränderungen zu untersuchen. Der Patient schluckt eine Kapsel mit einer Batteriezeit von 12 Stunden. Diese Kapsel durchläuft den Verdauungstrakt und macht Fotos vom Dünndarm, dessen Wand besonders viele Falten und Zotten hat. Um Blutungen des Verdauungstraktes zu stoppen, gibt es das neuartige Verfahren eines Clips, der mit dem Endoskop an die blutende Stelle geführt wird, die blutende Schleimhaut einsaugt und mit einem Clip verschließt. Hinsichtlich der Tumorerkennung und -behandlung appellierte Sandra Meinzer an die Anwesenden, Darmkrebs-Vorsorgeuntersuchungen spätestens ab dem Alter von 50 wahrzunehmen. Bis sich ein Adenom, also neugebildetes Gewebe im Darm, zu Darmkrebs entwickelt und die Darmwand durchdringt, dauert es viele Jahre. Durch die Darmspiegelung mittels eines Endoskops lassen sich Polypen und Adenome ebenso wir Krebsvorstufen erkennen und durch verschiedene Verfahren abtragen. Ein Beispiel ist die Polypektomie, bei der mit einer Schlinge, durch die Strom fließt, das Gewebe weggeschnitten und die Stelle verödet wird. Bei der Ligatur- oder Kappentechnik wird das Gewebe abgeklemmt und stirbt ab. Dr. Meinzer stellte auch Möglichkeiten des Erkennens und Behandelns von Gallenwegerkrankungen mittels endoskopischer Verfahren dar.
Die Fragen an die Referentin waren vielfältig. Neben dem Interesse an der Früherkennung von Krebserkrankungen gab es Fragen zu schmerzhaften Ausstülpungen beispielsweise der Darmwand, den sogenannten Divertikeln. Einige Schülerinnen und Schüler möchten Medizin studieren und fragten nach Wegen zum Arztberuf. Interesse bestand aber auch am Ablauf eines Klinikalltags und dem Ausmaß der Überlastung von Klinikärzten. Die Anzahl der Überstunden sei beträchtlich, so Sandra Meinzer. Man habe aufgrund zahlreicher anderer Verpflichtungen zunehmend weniger Zeit für die Patienten. Trotzdem wolle sie nicht in einer niedergelassenen Praxis arbeiten: „Im Krankenhaus ist es spannender“. Man müsse eben bedenken, dass der Aufenthalt im Krankenhaus für die Ärzte Alltag sei, für die Patienten aber eine absolute Ausnahmesituation. „Da kann man“, so betonte sie, „nicht einfach sagen: Ich hab jetzt Feierabend.“ (mh)

Erstaunliche Ansichten von Erde und Weltall

Die Begeisterung für sein Metier hat man beim Referenten der aktuellen Ausgabe unseres renommierten Formats „Uni macht Schule“ deutlich gespürt, als er die beeindruckenden Satellitenbilder kommentierte, die er den rund 40 interessierten Zuhörern im Studiensaal des Gymnasiums Neureut präsentierte. Auf den mit Radartechnik aufgenommenen Bildern zu sehen waren beispielweise wandernde Gletscher, das Werk eines Tsunamis in China oder Mexiko-City, wie es jährlich immer mehr im Lehm versinkt.
Der geborene Leopoldshafener Dr. Eric Schreiber studierte nach seinem Abitur am Gymnasium Neureut Elektro- und Informationstechnik am KIT und promovierte am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), bei dem er heute am Standort Oberpfaffenhofen forscht. Sein Spezialgebiet ist Fernerkundung mit Hilfe von Hochfrequenz- und Radartechnik. „Die dort entwickelten Radarsysteme liefern Bilder, die z. B. in den Bereichen Logistik und Städteplanung, Gletscher- oder Ackerbeobachtung oder der Erforschung der Biosphäre und Geosphäre neue Möglichkeiten eröffnen“, so Schreiber. Sogar Deformationen im Zentimeterbereich seien erfassbar.
In seinem Vortrag erläuterte Schreiber auch die Vorteile von Radarwellen gegenüber anderen elektromagnetischen Wellen. Sie können – im Gegensatz z. B. zu sichtbarem Licht – Wolken durchdringen und sie funktionieren auch bei Dunkelheit. Darüber hinaus sind sie unempfindlich gegen äußere Veränderungen oder Störungen.
In der anschließenden Fragerunde ging er detailliert auf die Fragen der Schülerinnen und Schüler ein, die vor allem auf die Möglichkeiten abzielten, mittels Radartechnik Landminen auf der Erde und Weltraumschrott im Weltall aufzuspüren.
Großen Respekt der anwesenden Physiklehrer erntete Schreiber für den Mut, Differenzialoperatoren und höhere Mathematik in seinen Vortrag einzubauen. Dass die Schülerinnen und Schüler die große Tragweite der die gesamte Elektrodynamik beschreibenden Maxwell-Gleichungen im Einzelnen verstanden haben, darf zwar bezweifelt werden, sein ehemaliger Mathelehrer Franz Wiedemann hätte jedenfalls seine Freude daran gehabt. Davon beeindruckt waren die Schülerinnen und Schüler allemal, der ein oder andere womöglich auch angespornt, sie irgendwann einmal – z.B. im Studium der Physik oder Elektrotechnik – zu verstehen.

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Die Finanzwirtschaft im Umbruch

Gerrit Leuchs gibt es offen zu: „Ich war ein fauler und bequemer Schüler“. Er habe immer „gerade so die Kurve gekriegt, um nicht sitzenzubleiben“. Er verrät den Zuhörern auch seine Abiturnote, die an dieser Stelle allerdings nicht erwähnt werden soll, um Nachahmungen zu vermeiden. Trotz alledem: Der ehemalige Abiturient des Gymnasiums Neureut hat Karriere gemacht. Heute ist er Niederlassungsleiter Baden-Württemberg der UTA Truck Lease, einem Unternehmen, das zur PEAC Finance gehört und das sich auf die Akquise von Leasing und Finanzierung von Nutzfahrzeugen spezialisiert hat. „Die Finanzwirtschaft im Spagat – Zwischen Kundenservice, Digitalisierung und neuen Wettbewerbern“ war der Titel des Vortrags, den Gerrit Leuchs im Rahmen der Reihe „Uni macht Schule“ im Studiensaal des Gymnasiums Neureut hielt. Zunächst aber gab er den Schülerinnen und Schülern einen umfassenden Einblick in seinen beruflichen Werdegang. Während die Vortragsreihe normalerweise Hochschuldozenten und -dozentinnen vorbehalten ist, werden in diesem Schuljahr – zum 50. Geburtstag des Gymnasiums Neureut – ehemalige Abiturientinnen und Abiturienten eingeladen, um von ihrer Karriere zu erzählen und von einem Schwerpunkt ihrer Arbeit zu berichten.

Gerrit Leuchs hat in den 25 Jahren seiner Berufstätigkeit bei neun Arbeitgebern in leitenden Positionen – im Vertrieb und im Marketing – gearbeitet. Er hat Versicherungsagenturen betreut, den Vertrieb von Mobilfunkunternehmen aufgebaut, als Vertriebsdirektor neue Geschäftsmodelle entwickelt oder beim TÜV Dienstleistungen digitalisiert. Er war Geschäftsführer und Bereichsleiter. Seine Leidenschaft galt von vorneherein dem Vertrieb. „Dienstleistungen finde ich besonders spannend“, erzählt der 53-jährige. Dabei war sein Ziel nach dem Abitur 1985 eigentlich ein anderes: Er wollte bei der Bundeswehr Pilot werden. Eine Farbschwäche ließ diesen Traum platzen und Leuchs fuhr als Leutnant zur See. Nach der Bundeswehr studierte er zwei Semester Geodäsie in Karlsruhe. Das lernintensive, Mathematik-lastige Fach entsprach allerdings gar nicht seinen Vorstellungen. Er wechselte zu den Fächern Soziologie, Jura und Erziehungswissenschaften nach Heidelberg. „Diese Uni ist sozial- und geisteswissenschaftlich geprägt. Und: Es wurde viel gefeiert“, erzählt er augenzwinkernd. Von vorneherein konzentrierte sich Leuchs im Studium auf Wirtschaft und Personalwesen. Zahlreiche Praktika untermauerten sein Interesse in diesem Bereich. Nach dem Abschluss des Magister Artium absolvierte Leuchs ein Management Trainee bei einer Versicherung. Und so begann seine Karriere, bei der er zeitweise Verantwortung für 2000 Leute trug und immer wieder Headhunter den Kontakt zu ihm suchten.

Neben dem Vertrieb ist auch die Digitalisierung von Servicedienstleistungen ein Steckenpferd des 53-jährigen, das ihn als Führungskraft in einem in der Finanzierung tätigen Unternehmen interessiert. „Die Krise der Banken“, so sagt Leuchs, „ist noch nicht vorbei“. Durch die Schrumpfung der Gewinne gäbe es Fusionen und – für den Kunden noch stärker spürbar – Schließungen von Filialen. Während es derzeit noch 1900 private Banken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken gäbe, sähen die Prognosen in 15 Jahren nur noch 150 bis 300 Banken am Markt. Die Banken, so der Referent, seien durch viele ihrer Praktiken in Verruf geraten. Das habe den Boden bereitet für alternative Anbieter – vor allem für Fintechs: Unternehmen, die mithilfe moderner Technologie spezialisierte Finanzdienstleistungen anbieten, beispielsweise Bezahlportale im Internet. „Fintechs tummeln sich nicht nur in Randbereichen des klassischen Bankings“, betont Leuchs, „sondern auch in den absoluten Kernbereichen. Sie drängen erfolgreich in den Kreditmarkt, sowohl für Privatpersonen als auch für Unternehmen." Die klassischen Banken müssten sich etwas überlegen, um nicht vom Markt zu verschwinden. Und da scheint sich eine Entwicklung anzubahnen, so der Referent: „Mittlerweile präsentieren sich die großen Banken im Schulterschluss mit Fintechs.“

Ob denn dieser Trend nicht zahlreiche Arbeitsplätze koste, war eine der Fragen aus dem Publikum an Gerrit Leuchs. „Jeder Trend birgt Chancen und Risiken“, meinte er. „Man muss keine Angst haben: Es wird neue Arbeitsplätze geben.“ „Was sollten die Schülerinnen und Schüler heute studieren, um im Vertriebsbereich erfolgreich zu sein?“, lautete eine weitere Frage. Das BWL-Studium sei eine sehr gute Grundlage, so der ehemalige Schüler des Gymnasiums Neureut, ein Studium des Vertriebsingenieurwesens oder auch eine Banklehre mit anschließendem Studium. Leuchs appellierte an die Schülerinnen und Schüler, das zu machen, wozu sie am meisten Lust hätten. Und obwohl er damals kein begeisterter Schüler war, sieht er den Nutzen seiner Schulzeit heute durchaus positiv: „Ich habe ein breites Allgemeinwissen erlangt, Sprachen gelernt, Motivation und Selbständigkeit erfahren“, betont er. „Ohne den Besuch des Gymnasiums wären meine Chancen in der Wirtschaft anders ausgefallen“. (mh)

„Seid neugierig, seid wissbegierig!“

Er kann es auch nach vielen Jahren noch richtig gut. Ohne jede Spur von Langeweile sitzen die Schülerinnen und Schüler fast eineinhalb Stunden da und lauschen ihm. Er
bezieht sie ein, er stellt Fragen, er hört gut zu und er reagiert verbindlich und wertschätzend auf die Antworten. Jürgen Striby, Leiter des Referats für Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung am Kultusministerium in Stuttgart, ehemaliger Schüler des Gymnasiums Neureut und ausgebildeter Grund- und Hauptschullehrer, trägt die Leidenschaft für das Unterrichten noch immer im Herzen. „Lehrerbildung in Bewegung: Ziele und Entwicklungen“ hieß Jürgen Stribys Vortrag im Rahmen der Reihe „Uni macht Schule“, der erste im Jubiläumsjahr. 50 Jahre alt wird das Gymnasium Neureut in diesem Schuljahr; und auch die Vortragsreihe soll ganz im Zeichen des Geburtstags stehen. Ehemalige Schülerinnen und Schüler, die mittlerweile Karriere gemacht haben, kommen in diesem Jahr zu Wort. Sie erzählen von ihrem Werdegang und widmen sich in ihren Vorträgen dann einem Schwerpunktthema ihrer Arbeit.
Jürgen Striby machte den jungen Zuhörern im Studiensaal vor allem Mut. „Seid neugierig, seid wissbegierig, geht in neue Welten“, forderte er sie auf. Die Möglichkeiten seien in der derzeitigen gesellschaftlichen Situation sehr gut. Das Gymnasium Neureut und mit ihm viele Lehrer hätten ihn damals geprägt und beeindruckt. „Lehrkräfte haben mir als Wissensträger die Welt erschlossen“, sagte er.
Er sei ein guter Schüler gewesen, insbesondere in Mathematik und den Naturwissenschaften. Dennoch habe er nach dem Abitur 1985 keine Orientierung gehabt. „Wenn man über seinen Werdegang spricht, läuft man Gefahr, ihn konstruiert darzustellen“, meinte er. „Ich möchte es so darstellen, wie es war“. Es habe Ungewissheiten und Brüche gegeben. Der Weg ins Ministerium jedenfalls war keinesfalls vorgezeichnet. Zunächst begann Striby Maschinenbau zu studieren. „Als dann aber der Professor in einer Vorlesung über die kristalline Struktur von Metall bei 600 Grad sprach, wurde mir klar: Nein, nein, das ist es nicht“, erzählte er. Die Mutter einer Freundin nahm ihn in der folgenden Zeit der Orientierungslosigkeit in eine Grundund Hauptschule mit. Dieses Erlebnis sei einschneidend gewesen und habe ihn zum Studium an die Pädagogische Hochschule geführt. Die anschließende Lehrtätigkeit an der Hauptschule habe ihm viel Freude gemacht. Sein Weg in den folgenden Jahren war überall geprägt von guter, engagierter Arbeit, von Menschen, die ihn förderten und von Zufällen. So kam er vom Lehramt in wenigen Jahren zur Lehrerausbildung, war in der Qualitätssicherung und -entwicklung tätig und wurde dann gefragt, ob er die Führungsakademie des Landes Baden-Württemberg besuchen wolle. „Damals habe ich lange Gespräche geführt“, erzählte er. „Denn es war klar, dass dies nun der Weg vom lehrenden in den Verwaltungsbereich sein würde“. Er entschied sich für die Führungsakademie, wurde anschließend Referent im Bereich Fortbildung am Kultusministerium, dann stellvertretender Stabschef und ist seit 2012 Leiter des

Referats für Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung. Er gehört zahlreichen Kommissionen und Arbeitsgemeinschaften, auch auf Bundesebene, an. So leitet er beispielsweise die AG Digitalisierung – ein Thema, das derzeit bundesweit im Bildungsbereich hochaktuell ist.
„Was macht einen guten Lehrer aus, was muss er können? Und: Was muss Lehrerbildung leisten?“, fragte Striby die Schülerinnen und Schüler und Gäste im Studiensaal. Und da tauten auch die Stillen, die Schüchternen auf. „Vorbild muss er sein“, findet ein Schüler. Motiviert, fachlich kompetent, respektvoll und Respekt einflößend sind weitere Eigenschaften, die sich Lernende von Lehrenden wünschen. „Bei mir hängt es sogar vom Lehrer ab, welches Fach ich mag“, sagte eine Schülerin.
Die Anforderungen an Lehrkräfte, fasste Striby zusammen, seien also enorm hoch. Und genau hier setze die Lehrerausbildung und -fortbildung mit zahlreichen Angeboten der Unterstützung an. „Verankert das aber nicht so, dass ich entscheide, was passiert“, bat er die Zuhörer. Die Spitze des Ministeriums, allen voran die Kultusministerin, erteile die Aufträge an sein Referat. „Wir setzen das dann in Formate um“, erklärte er.
Zahlreiche Dinge beeinflussten die Lehrerbildung: beispielsweise der Bildungsplan, die Einführung neuer Fächer, der Lehrkräftemangel, die Rahmenvorgaben der Kultusministerkonferenz und auch Studien, die die Leistungsfähigkeit von Schulsystemen untersuchen. Und hier ist Baden-Württemberg aktuell nur noch im mittleren Bereich angesiedelt. Das möchte die Spitze des Ministeriums ändern. Zwölf Arbeits- und Projektgruppen haben sich nun mehr als ein Jahr lang mit der Steigerung der Bildungsqualität und der Verbesserung von Bildungschancen beschäftigt. Auch Jürgen Striby war bei der Konzeption mit von der Partie. Das Ergebnis führt unter anderem zu einer Veränderung der Organisationsstruktur: Es wird ab 1. Januar 2019 ein Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung geben sowie ein Institut für Bildungsanalysen. Es bleibt also spannend für den ehemaligen Abiturienten des Gymnasiums Neureut. „Ich hätte euch meinen Lebenslauf auch als klaren Karriereplan darstellen können“, meinte er. Stattdessen aber machte er auch den orientierungslosen und zögerlichen Schülerinnen und Schülern Mut. „Auch ihr werdet Wege gehen, auch ihr werdet an Ziele kommen!“, sagte er, ganz im Sinne eines guten, motivierenden Lehrers. Er kann es eben – auch nach vielen Jahren noch. (mh)

 

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