Reisegepäck für die Rettung der Welt: „Denke groß, vieles ist möglich“
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Jedes Leben ist geprägt von unzähligen Entscheidungen. Bei jungen Menschen kommt noch die Frage hinzu: In welche Richtung soll es beruflich gehen? Was macht mir Freude, was kann ich, was empfinde ich als sinnstiftend? Je klarer die Ziele vor Augen stehen, desto einfacher fallen auch die Entscheidungen. „Mach deine Werte zur Grundlage deines Handelns“, rät Professor Dr. Maike Sippel. In ihrem Vortrag „Wie ich auszog, um die Welt zu retten - Geschichte einer Abenteuerreise und Informationen zum nötigen Reisegepäck“ zeigte sie im Rahmen der Reihe „Uni macht Schule“ den Schülerinnen und Schülern der Oberstufe, wie sie selbst durch viele Stationen zu ihrem Traumjob kam. Heute ist sie Professorin für Nachhaltigkeit und Transformation an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung in Konstanz.
Das Thema Ökologie, Klimawandel und Nachhaltigkeit prägte und prägt ihr Leben seit der Schulzeit in Markdorf am Bodensee und gab ihr Orientierungssicherheit bei all den vielen Entscheidungen, die es seither zu treffen galt. Doch auch mit dem Wunsch, für die Ökologie ins Handeln zu kommen, mit anderen zusammen zukunftstaugliche Projekte anzugehen, war der berufliche Weg noch lange nicht vorgezeichnet. Nach dem Architekturstudium an der Universität Karlsruhe stand wohl eine der wichtigsten Entscheidungen an: eine feste Stelle in einem Ingenieurbüro anzunehmen oder den riskanteren Weg der Promotion zu gehen. Sie entschied sich für die Doktorarbeit. Mit einem Stipendium der Deutschen Bundesstiftung Umwelt promovierte sie am Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Institut zu Emissionsminderungsprojekten im Rahmen des Kyoto-Protokolls. Im Anschluss an ihre Promotion arbeitete sie an mehreren Buchprojekten, in Netzwerken, gründete die Global-Marshall-Plan-Initiative mit und hatte verschiedene Lehraufträge zum Thema Erneuerbare Energien an Universitäten. Während dieser Zeit der Promotion und der Post-Doc-Phase bekam sie drei Kinder; Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen, sei ihr zuweilen wie „Jonglieren“ vorgekommen. „Und immer wieder kam die Frage auf: Wo soll es hingehen?“, erzählt sie.
2013 dann kam der Traumjob: Professorin für Nachhaltigkeit und Transformation an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung in Konstanz. Die Arbeit dort sei zunächst ein „Riesenworkload“ gewesen: Alle Vorlesungen und Seminare habe sie sich selbst ausgedacht, das Material selbst erstellt. Zusammen mit ihren Studierenden macht sie viele interaktive und sehr praktische Dinge im Bereich der Nachhaltigkeit: von Filmprojekten bis hin zu einem Waldklassenzimmer. Die Frage, die sie sich immer stellt, ist: „Was brauchen meine Studierenden in dieser Zeit der Klimakrise?“. Mittlerweile hat sie den Lehrpreis Bildung für Nachhaltige Entwicklung „#Climate Change“ erhalten und ist Mitglied im Club of Rome.
Vor zwei Jahren dann hat sie ein Buch geschrieben: „Die Welt, der Wandel und ich – 12 Portionen Mut für das Abenteuer Zukunft“. In diesem Buch – „eine Art workshop-Format“ – zeigt sie, wie wir vom ökologischen Fußabdruck zum Handabdruck kommen können. Deutlich macht sie auch, dass hierfür eine entsprechende Haltung notwendig ist. So sei es wichtig, uns als Teil dieser Welt, als von der Natur abhängig zu sehen. „Wir sollten auch anerkennen, dass vieles auf dem Spiel steht und auch Traurigkeit zulassen“, rät Maike Sippel. Wenn wir uns unsere persönlichen Werte klargemacht hätten, könnten wir ein positives Bild von der Zukunft schaffen und uns dann auf den Weg machen, dem Fußabdruck den Handabdruck entgegenzusetzen – zusammen mit anderen, in Netzwerken. „Ein weiterer Tipp: Versorge dich mit guten Nachrichten. Frag dich auch, wo die Dinge schon gut funktionieren“, so Sippel.
Auf die Frage eines Schülers, wie sie zu den Rückschritten stehe, die gerade im Hinblick auf die Ökologie zu sehen seien, und ob die Soziale Marktwirtschaft überhaupt die richtige Wirtschaftsform sei, um den Klimawandel aufzuhalten, wird sie deutlich. „Wir müssen Öl und Gas im Boden lassen“, betont Sippel. Die Mineralölkonzerne und die Petro-Staaten behinderten den Klimaschutz massiv. Die Strategie sollte sein, komplett in erneuerbare Energien zu investieren. Die Entwicklung müsse hin zu einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft gehen. In der Frage der Änderung des Systems aber halte sie es wie der bekannte deutsche Klimaforscher Stefan Rahmstorf: „Wir haben keine Zeit, erst ein neues System zu implementieren. Wir müssen die Krise mit dem jetzigen System in den Griff kriegen.“ Auf eine weitere Frage, was sie von Atomkraft halte, wird sie ebenfalls sehr deutlich: 90 Prozent des derzeitigen Zubaus seien erneuerbare Energien, unter den restlichen 10 Prozent laufe die Atomkraft mit. Zum einen seien die Neubauten von AKWs langwierig und teuer und man habe das kaum zu lösende Problem der sicheren Endlagerung und das der Gefahr eines Atomunfalls. Im Zuge des Abbaus und der Lieferketten von Uran könnten außerdem Unbefugte an das radioaktive Material kommen. Ein besonders wichtiger Grund gegen Atomkraft aber sei, dass die regenerativen Energien um ein Vielfaches günstiger seien.
Sehr klar und eindrücklich wird die Professorin auch bei ihrem Tipp für ein sehr nützliches Gepäck auf der Abenteuerreise zur Rettung der Welt: „Mach dir klar, dass sehr vieles möglich ist und denke groß, auch wenn das nicht dem Mainstream entspricht!“ (mh)