Ethik der Rohstoffgewinnung: Wer hat den Nutzen, wer trägt die Kosten?
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Es ist ein Dilemma: Wir müssen und wollen einerseits mithilfe regenerativer Energien klimaneutral werden und benötigen dafür große und zahlreiche Batteriespeicher. Andererseits aber werden hierfür Rohstoffe in immer größerem Umfang gebraucht, was für die Regionen und Menschen in den Abbaugebieten oft negative Auswirkungen hat. „Ethische Folgen der Rohstoffgewinnung“ lautete der Titel der jüngsten Veranstaltung von „Uni macht Schule“, die im Studiensaal stattfand und trotz der Hitze gut besucht war. Die Referentin, Umweltingenieurin Rhea Riegler, befasst sich in ihrer Doktorarbeit am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des KIT mit Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit in der Energie- und Mobilitätswende. Dabei legt sie ihren Fokus vor allem auf Batterierohstoffkreisläufe, insbesondere auf die Gewinnung von Lithium.
In ihrem ungemein spannenden und kurzweiligen Vortrag schlüsselte sie auf der einen Seite die Gründe für die Energiewende, den Begriff der Nachhaltigkeit sowie die Formen der Rohstoffgewinnung auf, auf der anderen Seite beleuchtete sie die Dimensionen der Energiegerechtigkeit. Die junge Wissenschaftlerin, die nach ihrem Studium der Umweltingenieurwissenschaften einen Master in Technik und Philosophie in Darmstadt absolviert hat, zielt in ihrer Dissertation darauf ab, Energiegerechtigkeit und die formalen Methoden der Nachhaltigkeitsanalyse in den Ingenieurwissenschaften zu verknüpfen.
Nachhaltigkeit ist mehr als Klimaschutz
Zunächst machte sie deutlich, dass Nachhaltigkeit mehr ist als Klimaneutralität und verwies unter anderem auf die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. So sind dort neben dem Klimaschutz auch das Ziel sauberer und bezahlbarer Energien, verantwortungsvolle Produktions- und Konsummuster sowie der Schutz des Lebens an Land verankert, was auch den Schutz vor Zerstörung von Böden und den Erhalt der biologischen Vielfalt einschließt. Die EU ziele mit der Energiewende in Europa auf sinkende CO2-Emissionen und eine sichere und geopolitisch unabhängige Energieversorgung ab, so betonte Riegler. „Der Rohstoffbedarf steigt“, sagte sie und nannte für die Zukunft einen sechsfachen Bedarf allein an Lithium. Dieser Rohstoff wird für die Lithium-Ionen-Akkus benötigt, die in den westlichen Industrienationen immer noch die gebräuchlichsten Batterien sind. Um zukünftig unabhängig von Gas, Öl und Kohle und für Dunkelflauten gerüstet zu sein, bedarf es riesiger stationärer Batteriespeicher, aber auch immer mehr mobiler Speicher für E-Autos. Und trotz des Recyclings von Batteriespeichern müssten diese irgendwann entsorgt werden. „Im Hinblick auf Nachhaltigkeit müssen wir uns den ganzen Lebenszyklus eines Batteriespeichers anschauen“, so Riegler.
Drei Verfahren zur Lithium-Gewinnung
Die Wissenschaftlerin warf ihren Blick nun auf die Möglichkeiten der Lithium-Gewinnung: Bergbau, Lithiumsole und Tiefengeothermie. In großen Tagebauen, beispielsweise in Australien, wird mit hohem Energieaufwand Lithium aus dem Gestein gewonnen. Riesige Flächen gehen verloren. „Das ist ein krasser Eingriff in die Natur“, so die Referentin. In Nordportugal ist ein extrem umstrittenes Bergbauprojekt zur Gewinnung von Lithium durch ein britisches Unternehmen geplant. Das Projekt gehört zu den 47 strategischen Projekten der EU, mit denen die Rohstoff-Unabhängigkeit gefördert werden soll. Dabei handelt es sich nicht nur um eine Fläche, die landwirtschaftlich genutzt wird, die UN hat das Gebiet sogar als Agrarkulturerbe ausgewiesen. Die Menschen, deren Lebensgrundlage auf dem Spiel steht, wehren sich und klagen auch über mangelnde Transparenz. Auch im Osterzgebirge im Grenzgebiet zwischen Tschechien und Deutschland ist ein Untertagebau geplant. Die Angst bei den Menschen ist groß: Für kleine Mengen Lithium muss viel Gestein abgebaut werden. Es besteht die Sorge, ob zukünftig genügend Wasser verfügbar ist und ob das Gebiet bewohnbar bleibt.
Als Beispiel für die Lithium-Sole nannte Rhea Riegler die Atacama-Wüste in Chile, wo Wasser aus 100 Metern Tiefe an die Oberfläche gepumpt wird. Nach der Verdunstung des Wassers bleiben die Salze übrig, in denen Lithium gebunden ist. Die Aufbereitungszeiten liegen bei 12-18 Monaten und die Konzentration an Lithium muss hoch sein. Auch hier ist die Flächennutzung hoch, und: Der Wasserhaushalt wird in den ohnehin trockenen und wasserarmen Regionen beeinflusst, der Grundwasserspiegel sinkt. „Es gibt Konflikte mit der lokalen Landwirtschaft, Biotope sind gefährdet und es gibt Konflikte mit der indigenen Bevölkerung“, so Riegler. Für den Anbau von Quinoa oder die Lama-Zucht fehlt dann das Wasser.
Bisher nur im Pilot- und Labormaßstab existiert die Tiefengeothermie zur Gewinnung von Lithium am Oberrheingraben rund um Landau. Ein australisch-deutsches Unternehmen pumpt aus 3000 Metern Tiefe Wasser an die Oberfläche, das Salze enthält, aus denen Lithium gewonnen werden kann. Neben dem Rohstoff ergibt sich aus der Tiefengeothermie auch die Gewinnung von Strom und Wärme. Die Lithium-Konzentrationen sind im Vergleich zu anderen Abbauformen gering, dafür ist die Flächenversiegelung und das geologische Risiko gering.
Dimensionen der Energiegerechtigkeit
Im letzten Teil ihres Vortrages widmete sich die Referentin den Dimensionen der Energiegerechtigkeit: der Verteilungsgerechtigkeit, der Verfahrensgerechtigkeit und der Anerkennungsgerechtigkeit. So stellt sich bei der Verteilungsgerechtigkeit die Frage, wer die Kosten trägt und wer den Nutzen. „Warum beispielsweise soll die Bevölkerung in der sehr armen Region Portugals zurückstecken, während Unternehmen große Gewinne machen?“, erklärt Riegler. So seien es ja nicht Staaten oder Regionen, die profitieren, sondern vor allem Unternehmen. Bei der Verfahrensgerechtigkeit stellen sich Fragen nach dem Einfluss der Bevölkerung auf Entscheidungsprozesse. So gebe es in einigen Ländern zwar Umweltverträglichkeitsprüfungen, so das Beispiel der Doktorandin, aber die könne man faktisch fast umgehen, indem man den Bürgerinnen und Bürgern 2000 Seiten fachsprachlicher Ausführungen vorlege, die niemand lese und kaum jemand verstehe. Bei der Anerkennungsgerechtigkeit geht es um die Betrachtung der Frage, welche Bedürfnisse beachtet werden: sozioökonomische, geographische oder ethnische Interessen. „Die Dimensionen gehören natürlich zusammen“, betont Riegler. So stelle sie sich in ihrer Doktorarbeit für alle Phasen des Batterierohstoffkreislaufs die Fragen: Wo treten Ungerechtigkeiten auf? Wie sieht eine gerechte Energiewende aus? Wie lässt sich das in messbare Prinzipien fassen?
Ohne Suffizienz wird es schwierig
Gibt es denn positive, also gerechte Beispiele für die Lithiumgewinnung? Auf diese Frage eines Schülers verwies die Referentin auf die Tiefengeothermie im Oberrheingraben, die zu einer Wertschöpfung in Deutschland mit wahrscheinlich vergleichbar geringen negativen Auswirkungen führe. Beim Austausch mit den Zuhörerinnen und Zuhörern wurde gleichwohl deutlich, dass Energiegerechtigkeit mit all ihren Facetten bei einem weiter steigenden Energiehunger und damit steigendem Konsum schwierig wird. „Der Suffizienzgedanke wird wieder größer“, so Riegler. Es geht darum, so die Referentin sinngemäß, den Materialverbrauch, Konsum und Lebensstil entsprechend der Endlichkeit der Ressourcen und zum Wohle einer umfassenden Nachhaltigkeit und Energiegerechtigkeit anzupassen. „Natürlich kann man die Verantwortung nicht alleine dem Einzelnen aufbürden“, so die Wissenschaftlerin. „Aber wenn viele Einzelne am gleichen Strang ziehen, können wir den kulturellen Wandel beeinflussen“. (mh)