Besuch in Natzweiler-Struthof: Unvorstellbare Grausamkeiten
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Treffpunkt der einzelnen Klassen war um 7:55 Uhr in den Klassenzimmern mit den Geschichtslehrern. Wir haben uns zunächst einen Film angeschaut, gedreht unmittelbar nach der Befreiung der KZ. Uns wurde vor Augen geführt, wie grausam es dort war und wie viele Menschen umgekommen sind.
Um 8:50 Uhr waren die Busse da, die uns zum Konzentrationslager Natzweiler-Struthof gefahren haben. Die Fahrt dauerte ca. zwei Stunden und verlief ohne Komplikationen. Als wir angekommen waren, sind wir hoch zum Eingang gelaufen und hatten dort eine Pause, in der wir essen und auf Toilette gehen konnten.
Es gibt dort keine offiziellen Führungen. Unsere Lehrer führten uns jedoch durch die Gedenkstätte und lasen dabei ein Skript vor, das von der Schule bereitgestellt wurde. Dieses Skript enthält unter anderem Tagebucheinträge von Gefangenen und Berichte über Fluchtversuche.
Als wir das Gelände betraten, änderte sich die Stimmung der Klasse schlagartig: von den Gesprächen vor dem Tor zu einer bedrückenden Stille. Hinter dem Tor erläuterte unser Lehrer nochmal die Grausamkeit: Er erzählte uns, dass die maximale Lebenserwartung in dem Lager bei 6 Monaten lag und die Gefangenen in dieser Zeit zu Zwangsarbeit in einem Steinbruch gezwungen wurden. Es war gut, dass wir im Februar hingegangen sind, so wurde uns nochmal bewusst, bei welcher Kälte die Gefangenen damals arbeiten mussten.
Danach schauten wir uns einen Wachturm an, vor dem früher Gefangene erschossen wurden, die flüchten wollten. Trotz vieler mutiger Fluchtversuche von verkleideten Häftlingen bis hin zu einem Polen, der sich mithilfe einer Stange über den Zaun geschwungen hat, hat es aber fast keiner geschafft auszubrechen.
Daraufhin gingen wir zum Galgen, wo uns durch eine bildlich beschriebene Szene die Grausamkeit
nochmal vor Augen geführt wurde.
Es war gut, dass es so bildlich beschriebene Szenen gab, denn dabei konnte man sich das noch besser vorstellen und es wurde einem noch klarer, wie schrecklich es zuging. Was uns allen im Kopf bleiben wird, ist der Tagebucheintrag eines NN-Häftlings („Nacht- und Nebel-Häftling“), in dem die Erhängung eines polnischen Freiheitskämpfers am 2. Juni 1944 um 12 Uhr mittags wiedergegeben wurde. Er beschrieb präzise, wie er erhängt wurde, dass er erst rot und dann blau im Gesicht wurde, dass er Zuckungen in seinem Körper bekam und unmenschliche Laute aus seinem Mund kamen. Dass er mit den Zehenspitzen auf den Boden kam und somit nicht ganz in der Luft hing. Bei der Hinrichtung waren tausende Gefangene dabei und sahen zu. Nach fünf Minuten war der polnische Junge immer noch nicht tot, dann haben zwei Helfer des Henkers das Seil nochmal um den Galgen gelegt und den Jungen wieder abgelassen. Er erlitt wieder kein Genickbruch. Sein Gesicht wurde jetzt dunkelblau bis hin zu schwarz. Weiterhin hatte er am ganzen Körper Zuckungen und gab unmenschliche Laute von sich. Nach 15 Minuten hörte er immer noch nicht auf und er hing 45 Minuten, bis er schließlich tot war.
Man sah den Schrecken in den Gesichtern der Mitschüler. Schockiert begaben wir uns zum ,,Bunker“. Es gab viele grausame Strafen wie z.B. öffentliche Prügelstrafen auf dem Prügelbock, Am-Pranger-Stehen oder Haft im Gefängnis-Bunker. In den Bunker kam man drei bis 43 Tage in eine Zelle unter schlimmsten Bedingungen. In einer der kleinen Zellen befanden sich bis zu 25 Menschen. Wie eng das war, wurde uns klar, als wir alle zusammen als Klasse eine Zelle betraten.
Begleitet wurde die Haft im Bunker von Prügelstrafen. Am schlimmsten muss es gewesen sein, wenn man 3 Tage vor der Hinrichtung in die in die Wände eingelassenen nur 1,30 m hohe, 80 cm breite und 60 cm lange Kammern eingesperrt wurde und damit 3 Tage lang keine Möglichkeit zum Sitzen, Stehen oder Liegen hatte.
Anschließend gingen wir zum Krematorium, was auch als Hinrichtungsstätte genutzt wurde. In dem Krematorium wurden die Menschen verbrannt und dann die Asche in Urnen gefüllt und gegen eine Gebühr den Angehörigen zugeschickt. Ob die Asche wirklich von dem Verstorbenen war, war unwahrscheinlich. Neben der Einäscherung fanden auch schreckliche Menschenversuche auf einem Seziertisch statt.
Nach dem Krematorium durften wir das Gelände noch einmal selbst erkunden, bevor wir zur Gaskammer liefen. Die Gaskammer lag etwa 700 m bergab und war von außen ein unscheinbares Gebäude. In der Kammer wurden Experimente an von Auschwitz herantransportierten jüdischen Häftlingen durchführt. Draußen wurde uns ein Protokoll von Kramer, dem Kommandanten des Lagers, vorgelesen, in dem er beschreibt, wie 15 Frauen mithilfe von Gas ermordet wurden und wie er ihnen bei ihrem qualvollen Tod durch ein Guckloch in der Tür zuschaute. Er protokollierte: ,,Bei der Ausführung habe ich nichts empfunden...“ .
Geschockt, was in diesem Gebäude passiert war, betraten wir es. Man sah drei Becken, in dem man Leichen aufbewahren konnte, und die Gaskammer.
Danach war die Führung auch zu Ende und zum Abschluss können wir sagen: Es ist unmöglich sich das ganze Leid vorzustellen, auch wenn man es im Unterricht behandelt hat und bildliche Stellen vorgelesen bekommt. Hinzu kommt noch, dass die Häftlinge oft bei Minusgraden arbeiten mussten, kaum etwas anhatten und schlechte Hygiene-Umstände herrschten.
Das Essen wurde in Grenzen gehalten, morgens gab es nur eine kaffeeartige Brühe mit etwas Brot und mittags gab es einen Liter dünne Suppe mit einem Gemüse und ein paar Fleischfasern für jeden Häftling. Abends gab es wieder eine Kaffee- oder Teebrühe mit ein paar Scheiben Brot, etwas Margarine, Marmelade und ein Stück Dauerwurst, die als „Gummiwurst“ von den Häftlingen getauft wurde. Durch das mickrige Essen verlor man in den ersten zwei bis drei Monaten 25 kg.
Von Lorenzo und Marlene, 9c